Berlin : Friedliche Moslems und Terroristen Der Islam in türkischen Blättern

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Europa ist ein Herz gegen den Terror“, titelte die Hürriyet am Dienstag auf ihrer Europa-Seite. Mit diesem türkischen Spruch wollte die Zeitung sagen, dass die Europäer im Kampf gegen den Terror zu einer starken Einheit geworden sind. Am Tag zuvor gedachten die Menschen in mehreren europäischen Städten (auch in Berlin) der Opfer des Terroranschlags in Madrid am 11. März. Der Anschlag beherrschte tagelang auch die Titelseiten der türkischen Zeitungen. Das Thema ist immer noch ständig präsent. Doch wo stehen die Türken? Der Blick in ihre Zeitungen verrät viel. „Werdet zu Helfern“, stand zum Beispiel am Dienstag in der Hürriyet, direkt neben dem Text über die Schweigeminuten in Europa. Das Zitat entnahm die Zeitung den Worten von Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). Dieser hatte am Sonntag zuvor in der Talkshow „Christiansen“ an die „friedliebenden Muslime“ appelliert, ihn beim Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zu unterstützen. Die Hürriyet als größte türkische Zeitung druckte seinen Appell immerhin groß ab.

Und die Tageszeitung Türkiye? Ein Leitartikel mit der Überschrift „Die Araber und die USA“ am Mittwoch strotzte vor Kritik an Israel und den USA (die nach Ansicht der Zeitung an fast allem schuld sind). Und darin wurde wieder einmal die türkische Angst vor einem unabhängigen kurdischen Staat deutlich. Aber immerhin stand in dem Leitartikel auf der Titelseite auch ein entscheidender Satz: „In den Grenzen des großen Nahen Ostens, von denen Washington spricht, gibt es nur zwei demokratische Staaten: Das sind die Türkei und Israel.“

Spätestens beim Thema islamischer Fundamentalismus wird deutlich, dass die Türken mehrheitlich auf der Seite der Europäer stehen. Schließlich druckte auch die Milliyet am Sonnabend den Appell einer deutschen Politikerin an die Muslime ab. „Freundschaftsangebot an die Moscheen“, titelte die Milliyet. Der Text stammt aus einer Pressekonferenz der Wohlfahrtsverbände mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Marieluise Beck (Bündnis 90/Die Grünen). Dabei sprach sich die Politikerin gegen die Überwachung der Moscheen mit Kameras aus. „Die grüne Politikerin Beck sagte aber, dass es antisemitische, ausländische Jugendliche gibt, die sich in bestimmte Moscheen zurückziehen.“ Welche Moscheen sie meinte, schrieb die Zeitung allerdings nicht. Marieluise Beck bat allgemein alle Moscheen (in Berlin sind das etwa 70, von denen knapp 50 türkisch sind) um mehr Durchsichtigkeit. „Mit welchen Themen beschäftigen sie sich? Haben sie Kontakte zu anderen Ländern?“ Diese Fragen müssten dringend beantwortet werden. Trotz des „christlich-islamischen“ Dialogs und trotz der Tage der offenen Türen gibt es eben auf deutscher Seite immer noch Informationsbedarf.

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