Friedlichen Revolution : "Als ob die Zeit stehengeblieben wäre"

Die Ausstellung zur Friedlichen Revolution am Alexanderplatz kommt beim Publikum gut an. Unter freiem Himmel fühlt es sich 20 Jahre zurückversetzt.

Lothar Heinke
Wendeausstellung
Ein Vogel für die Vopos. Manche Besucher schauen auf dem Weg zur Arbeit am Alexanderplatz vorbei, andere kommen extra für die...Foto: Davids

Plötzlich sind sie wieder da, diese unruhigen Zeiten mit ihren Gerüchten und sensationellen Nachrichten, diese verschlungenen Wege zu den neuen Ufern – wer seine innere Uhr zwanzig Jahre zurückdrehen möchte, der gehe zum Alexanderplatz. Dort findet der Ausbruch der Krise des sozialistischen Lagers, der Umbruch in der DDR und der Aufbruch in eine neue Welt noch einmal statt. Fotos, Dokumente und Filme erzählen, wie vor 20 Jahren der Mauerbeton erweicht wurde. Erst ganz sacht, mit ein paar Mutigen in Hinterzimmern und an Vervielfältigungsapparaten, dann immer stärker, unter den Dächern der Kirchen, in Konzertsälen, und schließlich auf Straßen und Plätzen, übermächtig und unüberhörbar.

„Wir sind das Volk!“ dröhnt es aus den Lautsprechern, „Stasi raus!“ im Staccato und immer wieder „Frei-heit! Frei-heit!“. Die Stimme des Volkes übertönt den Lärm des Verkehrs auf Berlins belebtestem Platz, sie wirkt wie eine lautstarke Einladung, der das Publikum, neugierig geworden, in Scharen in diese Freilichtausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Kulturprojekte GmbH. folgt. „Das alles haben wir erlebt, und es ist noch gar nicht lange her“, sagt ein Mann in der staunenden Menge, „als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“

Tatsächlich ist ein großer Teil des Alex zu einer riesigen Zeitkonserve geworden. Wir sehen nicht nur die bekannten, so oft schon gedruckten triumphierenden Bilder vom Sieg der Kerzenhalter über die Kalaschnikows, sondern eine Fülle an Dokumenten, Stasi-Berichten, Protokollen und Protestbriefen in dieser Chronologie einer sanften, friedlichen Revolution, die – ganz am Ende der Schau, fast schon auf den Gleisen der Straßenbahn – mit Bildern von den Feiern zur deutschen Einheit endet.

Man muss sich Zeit lassen. „Das ist ja hier wie mit den Gedanken rückwärts spazieren gehen“ sagt eine Frau, die „das alles“ miterlebt hat. Für sie frischen die 700 Bilder historische Tatbestände auf, „mit vielen Einzelheiten, die man so noch nicht kannte“. Junge Leute erleben eine Geschichtsstunde Open Air. Und die Touristen, die erst einmal nach der Mauer fragen, sehen am Ende der Schau, wie das Monstrum, das sie suchen, vor fast 20 Jahren weggehackt und um die Ecke gebracht wurde. „Eine sehr interessante Zusammenstellung“ findet eine junge Frau, die mit ihrem Mikrofon Originaltöne von Zeitzeugen für ihren spanischen Radiosender in Lissabon sammelt. „Viele, die damals dabei waren, kommen her und erzählen ihre Erlebnisse vor und nach der Wende“, sagt Johannes Mundo, „die Zustimmung zur Ausstellung ist groß“. Das freut den jungen Mann im weißen Overall, der den Besuchern Einzelheiten berichtet, zum Beispiel zum Kampf David gegen Goliath, Umwelt-Bibliothek gegen Staatssicherheit.

Viele Faktoren – auch der offene Protest gegen die Fälschung der Wahlergebnisse vom 7. Mai 1989 und eine nicht mehr zu zähmende Ausreisewelle – führen geradewegs in die Revolution. Die einen rufen: Wir wollen raus! Andere antworten: Wir bleiben hier! Alles kulminiert am 7. Oktober. Die Oberen feiern, das Volk protestiert. Zwei Tage später steht alles in Leipzig auf Messers Schneide – eine Videokamera ist ausgestellt, mit der zwei mutige Berliner von den Dächern der Messestadt die Demonstration filmen und dafür sorgen, dass die Bilder um die Welt gehen. Das System bröckelt, die Angst spielt nicht mehr mit. Am 4. November klatschen 500 000 hier auf dem Alex Beifall. Jens Reich vom Neuen Forum sagte gerade: „Wir haben die Sprache wiedergefunden und die Welt kennt seitdem dieses verschlafene Land nicht wieder.“ Lothar Heinke

Heute und morgen von 13 bis 21 Uhr zu jeder vollen Stunde Lesemarathon. Open-Air-Kino: Sonnabend, 21 Uhr, „Sonnenallee“, Sonntag, 21 Uhr, „Solo Sunny“.

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