Berlin : Friedrich Schiller setzt Moos an

Zum 200. Todestag des Dichters ist Berlins einziges Schiller-Denkmal vom Verfall bedroht. Eine Bürgerinitiative will das Standbild auf dem Gendarmenmarkt retten – und zum Brunnen machen

Helmut Caspar

Am kommenden Montag feiert Deutschland den 200. Todestag Friedrich Schillers. Doch Berlins einziges Denkmal für den Dichter befindet sich in keinem vorzeigbaren Zustand. Das marmorne Standbild vor dem früheren Schauspielhaus und heutigen Konzerthaus auf dem Gendarmenmarkt wird im Winter nicht eingehaust und überzieht inzwischen eine Schicht von Moos und Schmutz. Wenn er nicht bald gereinigt und nachhaltig konserviert wird, droht Zerfall. Für die Restaurierung setzt sich jetzt eine Bürgerinitiative um den früheren Bezirksbürgermeister Gerhard Keil ein. Ihr geht es nicht nur um die Reinigung des Marmors, sondern auch um die Wiederherstellung des Denkmals als Brunnen, denn als das Kunstwerk 1871 eingeweiht wurde, plätscherte Wasser aus dem Inneren des Sockels. Erst wenn die Quelle der Poesie wieder fließt, kommt Schiller richtig zur Geltung, ist Keil überzeugt.

In Berlin ist der Nationaldichter erst spät zu Ehren gekommen. Als der Magistrat 1861 zum 102. Geburtstag des Dichters Friedrich Schiller eine „Concurrenz-Ausschreibung“ für ein Schiller-Denkmal veröffentlichte, meldeten sich 25 Bildhauer. Der Dichter sollte stehend und „in begeistertem Aufblick, sinnend“ dargestellt werden. Noch zehn Jahre vergingen danach, ehe das Monument auf dem Gendarmenmarkt enthüllt wurde, lange nachdem sich Stuttgart, Schillers Geburtsstadt Marbach und andere Orte solche Erinnerungsmale zugelegt hatten. Die Zeiten waren kriegerisch, und da mussten auch in Berlin Geistesriesen und Dichterfürsten zurückstehen, Konjunktur hatten Siegessäulen, Monarchen- und Generalsstandbilder.

Den Zuschlag für die Schiller-Figur im Mittelpunkt eines Brunnens erhielt 1864 der erst 33-jährige Reinhold Begas, der in Weimar lebte und später Berlin mit zahllosen Denkmälern und Freiplastiken beglückte. Friedrich Schiller ist hoheitsvollen Blickes mit Schriftrolle und langem Mantel dargestellt, sein Haupt umkränzt ein Dichterlorbeer. Während er in die imaginäre Ferne blickt, richten die auf dem Brunnenrand sitzenden Personifikationen der Lyrik (mit Harfe), Dramatik (mit Dolch), Philosophie (mit Pergamentrolle) und Geschichte (mit Schreibtafel) ernst und gefasst ihre Augen aufs Publikum. Die schweigsamen Damen, von denen man sagte, sie seien die einzigen Berlinerinnen, die den „Rand“ halten können, hatten es der Jury besonders angetan: „Diese vier weiblichen Figuren sind von hoher Schönheit und ihre allegorische Bedeutung so tief empfunden, dass niemand, selbst der Ungebildete, nicht zweifeln wird, was der Künstler mit ihnen hat aussprechen wollen.“

Begas stellte die Skulptur 1869 fertig, doch aufgestellt wurde sie erst am 10. November 1871, dem 112. Geburtstag von Schiller, im Beisein von Kaiser Wilhelm I. Die Ausführung des Monuments war anfangs gefährdet, denn der Freiheitsdichter Schiller war am preußischen Hof umstritten. Außerdem hatten sich nach Bekanntwerden der Ausschreibung Goethe-Verehrer gemeldet, die ein Denkmal ihres Favoriten am gleichen Ort forderten. Dafür gab es gute Gründe, die Werke beider Dichter standen auf dem Programm des Schauspielhauses und waren allgemeines Bildungsgut. Doch der Plan, Schiller in Analogie zum Weimarer Doppelstandbild noch ein Denkmal für Goethe oder gar ein drittes zu Ehren von Gotthold Ephraim Lessing an die Seite zu stellen, zerschlug sich. Goethe und Lessing erhielten ihre Monumente im Tiergarten, wo sie noch heute stehen.

Im Jahr 1936 wurde das Schillerdenkmal vom Gendarmenmarkt entfernt. Die Nazis brauchten Raum für Aufmärsche und Feiern. Die Dichterfigur überstand den Zweiten Weltkrieg im Westteil der Stadt, die vier Brunnenfiguren in Ost-Berlin. Ende 1988 wurde das Schiller-Denkmal wieder auf dem Gendarmenmarkt aufgestellt. Möglich machte es ein Kulturgüteraustausch zwischen West- und Ost-Berlin zwei Jahre zuvor.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben