Berlin : Friedrichshain-Kreuzberg: Wer als Zweiter kommt, mahlt zuerst

Christian van Lessen

Vor dem Rohbau der Arena steht Harry Harkimo mit einem Glas Bier in der Hand. Gefeiert wird vor 400 geladenen Gästen die Taufe der Multifunktionshalle, die nach dem Namen der norwegischen Fährschiffreederei "Color Line Arena" heißen wird. Ein Foto aus Hamburg, am Montag vom finnischen Investor Harkimo als Information nach Berlin geschickt. Wohl als Beleg dafür, wie es auch in Berlin hätte sein können. In Siemensstadt schien alles klar, da wollte er auch bald vor einem Hallenrohbau stehen und die Taufe seiner "Siemens-Arena" feiern. Aber die Pläne wurden, ebenfalls am Montag, offiziell zu Grabe getragen. Harkimo kapitulierte vor seinem amerikanischen Konkurrenten Philip Anschutz, der am Ostbahnhof auch eine große Mehrzweckhalle errichten will. Und drumherum noch einen kleinen Stadttteil plant.

Beim Rückzug der finnischen Konkurrenz aus Spandau hätten bei Anschutz die Sektkorken knallen müssen, doch Europa-Direktor Detlef Kornett ließ aus London vermelden, man sei "nicht überrascht". Das Harkimo-Projekt hätte die Planungen am Ostbahnhof ohnehin nicht beeinträchtigt, vielleicht könnte man mit Siemens als einem möglichen Partner sogar noch ins Gespräch kommen. Baustadtrat Franz Schulz aus Friedrichshain-Kreuzberg sprach von einem "Stück Erleichterung". Er sehe sich bestätigt, dass der Bezirk doch der bessere Standort für eine Mehrzweckhalle sei. Schulz rechnete damit, dass im Sommer der Bauantrag für die auf 16 000 Besucher ausgerichtete Halle genehmigt werden kann. Was im Einzelnen ringsum auf dem 21 Hektar großen ehemaligen Bahngebiet an Einzelhandels-, Gewerbe- und Wohnbereichen entstehen kann, wird in einem städtebaulichen Wettbewerb geklärt, der im Januar entschieden sein soll. Anschutz habe ursprünglich einen ganzen Hochhauskomplex errichten wollen, was für den Bezirk eine "ungeheuerliche Vorstellung" gewesen sei. Die Arena allerdings, die zunächst gebaut wird, werde der Motor für die städtebauliche Entwicklung dieses Brachgebietes an der Spree sein.

Harkimo oder Anschutz: Erst schien es, als habe der Finne mit seinen Geschäftspartnern, zu denen auch Siemens gehörte, die Nase vorn. Unterstützt vom Spandauer Bezirksamt, ging die Genehmigungsplanung flink voran, Siemens hatte das Grundstück an der Paulsternstraße bereits an Harkimos "JHC Arena Holding" verkauft, und der 18 000-Besucher-Halle wurden beste Chancen gegeben, als erste fertig zu werden, denn der Baubeginn sollte schon 2002 sein. "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", kommentierte Stadtentwicklungssenator Peter Strieder den Wettlauf. Der Markt für zwei Hallen dieser Größenordung sei zu eng, aber jeder der Investoren müsse selbst die Lage einschätzen können, eine Präferenz des Senats gebe es nicht. Anschutz, der als zweiter mit dem Standort Ostbahnhof ins Rennen gestiegen war, schien zunächst abgeschlagen, zumal auch die Grundstücksverhandlungen mit der Bahn noch andauerten.

Aber als die Anschutz Entertainment Group (AEG) Ende November ihre neuesten Entwürfe vorstellte, schienen die Weichen gestellt. Denn Anschutz versicherte, zum Bauen entschlossen zu sein - komme in Spandau was wolle. Die AEG habe ihre ursprünglichen Überlegungen verworfen, das eigene Projekt bei Baubeginn des Mitbewerbers zurückzuziehen. Sie setze voraus, dass die erforderlichen Genehmigungen durch Senat und Bezirk "wie geplant erteilt werden". Und um die Planungsarbeiten und die Vermarktung der Halle von Berlin aus steuern zu können, wurde ein Büro an der Friedrichstraße eröffnet. Die Entscheidung sei von Philip Anschutz "in alter Verbundenheit zu Berlin und Deutschland" getroffen worden. Er ist Eigner der "Eisbären", die Halle wird auch Spielort der Eishockeymannschaft sein, wie die Konkurrenz der "Capitals" ursprünglich in der Halle in Siemensstadt ihre Heimspiele absolvieren sollte. Dass es Anschutz, Besitzer diverser Baskettball-, Football und Eishockeyklubs in den USA und Europa, ernst meinte, zeigte sich neben der Eröffnung des Büros an der Friedrichstraße auch daran, dass Billy Flynn, der Marketing-Chef der Eisbären, bereits mit dem Verkauf der geplanten 93 Business-Suiten beauftragt wurde. Er versicherte, dass Berlin mit dem Neubau "die schönste Halle Europas" erhalte. Sie wird östlich vom Hauptbahnhof entstehen, flankiert von Geschäften, Büros, Läden, Restaurants und Wohnungen. Es soll ein Kino geben, ein Hotel, einen Hafen am Spreeufer. Für Open-Air-Veranstaltungen ist ein Festplatz vorgesehen, und die Halle selbst soll Spitzenkräfte der Unterhaltungsbranche nach Berlin locken. Britney Spears oder auch Madonna könnten kommen, ist sich die Anschutz-Gruppe sicher. Eine Halle mit internationaler Austrahlung fehle der Stadt - bisher. Anwohner fürchten bereits, diese Ausstrahlung werde recht bald zu einem Verkehrskollaps in der Umgebung führen.

"Unsere Erfahrungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, einen erfahrenen Kooperationspartner zu gewinnen", sagte Harry Harkimo vor dem Rohbau seiner Mehrzweckhalle in Hamburg. Er meinte die Reederei Color Line. In Berlin, vermuten Insider, mag ihm ein erfahrener Partner gefehlt haben.

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