Friedrichshain : Nervosität vor Demo steigt

Ein bisschen nervös sei man, sagen Anwohner, junge Autonome und Studenten aus dem Kiez rund um die Frankfurter Allee. Am Samstagabend will die linke Szene durch Friedrichshain demonstrieren.

Hannes Heine

BerlinHieß es Anfang der Woche noch, man erwarte 500 Menschen, rechneten die Organisatoren des Protestmarsches zuletzt mit bis zu 2000 Teilnehmern – entschlossen und wütend, schließlich hat es eine derartige Tat lange nicht mehr gegeben: Vergangenen Sonntag ist ein linker Student von vier Neonazis fast totgeschlagen worden. Mitten in Friedrichshain, der einstigen Autonomenhochburg, direkt an einer Hauptstraße, der Frankfurter Allee, vor der Diskothek Jeton. Die vier Verdächtigen aus Brandenburg sitzen in Untersuchungshaft. Neben Antifa-Gruppen mobilisierten Linkspartei, Sozialdemokraten und Grüne zu den Protesten.

Unbekannte hatten am Freitag Fotos der mutmaßlichen Schläger im Internet veröffentlicht. Einige der Abgebildeten hantieren darauf mit SS-Devotionalien. Die Verdächtigen werden auch vor der Disko Jeton gezeigt – mit zum Hitlergruß gestrecktem Arm. Die Fotos seien wenige Stunden vor der fast tödlichen Attacke aufgenommen worden, heißt es im linken Internetportal Indymedia, die Disko Jeton sei eindeutig ein Neonazitreff.

Schon in der Nacht zu Mittwoch hatten Vermummte den Club in der Frankfurter Allee mit Steinen beworfen und die Fassade beschädigt. Auch eine Polizeistreife wurde angegriffen. Weil es sich offenbar um Rache Autonomer handelt, ermittelt der Staatsschutz. Von den Betreibern der Disko fordert Evrim Baba, Linkspolitikerin und Mitglied im Abgeordnetenhaus, eine klare Stellungnahme zu ihrem Publikum: Immer wieder hatten Anwohner zahlreiche Rechtsextreme beim Verlassen des Jeton gesehen. Wie die vier Verdächtigen vom vergangenen Wochenende sollen Gäste regelmäßig Pullover der bei Neonazis beliebten Marke „Thor Steinar“ getragen haben. Der linke Protestzug startet am Samstagabend deshalb vor dem „Thor Steinar“-Laden am nahen Bersarinplatz. Die Polizei ist mit mehreren Hundertschaften und zahlreichen Zivilbeamten vor Ort. Die Demo führt über die Frankfurter Allee – mit einer Zwischenkundgebung vor der Disko Jeton.

Die Situation in Friedrichshain erinnert an den Tod des jungen Hausbesetzers Silvio Meier, der im November 1992  in unmittelbarer Nähe vom aktuellen Tatort von Neonazis erstochen worden war. In den Tagen danach kam es zu Ausschreitungen zwischen Linken und der Polizei, in der ganzen Stadt versuchten Antifa-Gruppen auch militant gegen Neonazis vorzugehen. Seitdem findet in Friedrichshain jedes Jahr eine Gedenkdemo mit bis zu 2000 Teilnehmern statt, deren Veranstalter unter anderem die „Antifaschistische Linke Berlin“ ist. Die linksradikale Gruppe hat auch die aktuellen Proteste durch Friedrichshain mitorganisiert.
Friedrichshain ist 2008 mit 30 eindeutig rechtsextremen Gewalttaten der Bezirk mit der höchsten Zahl derartiger Angriffe gewesen, heißt es vom Verfassungsschutz. Die Beratungsstelle „Reach Out“ spricht sogar von 35 Übergriffen.

Ein Grund für Gewaltquote ist Experten zufolge, dass Neonazis aus der ganzen Region hier schnell auf potenzielle Opfer stoßen – etwa vermeintliche Linke oder Nichtdeutsche. Erst im Juni sind zwei Linke und zwei Neonazis auf der Frankfurter Allee in Streit geraten, wobei ein Rechter ein Messer gezogen und einen jungen Mann am Arm verletzt haben soll. Im Februar soll Zeugen zufolge ein stadtbekannter Neonazi aus Lichtenberg zusammen mit bis zu 20 Freunden in der U-Bahnlinie U5 ein dunkelhäutiges Paar bedroht haben. Im Januar verfolgten Rechte junge Linke, die einen Angriff abwehren konnten. Wenige Tage zuvor soll ein Punk auf dem Bahnhof Ostkreuz von Neonazis schwer misshandelt worden sein. 

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