Friedrichstadtpalast : Die größte Leinwand der Stadt

Der Friedrichstadtpalast ist Europas größtes Revuetheater Am heutigen Sonnabend feiert er Premiere als Kino – mit 220 Quadratmetern Projektionsfläche.

G,a Bartels
Friedrichstadtpalast
Plakatiert: Der Friedrichstadtpalast. -Foto:dpa

„Jetzt alle Hände waschen, Jungs, und dann die weißen Handschuhe anziehen“, kommandiert Technikinspektor Wolfgang Röder. Gerade haben seine Bühnenarbeiter die zusammengerollte Kinoleinwand auf der Bühne des Friedrichstadtpalasts ausgepackt. Überall stehen Kisten herum. Der Metallrahmen für die Leinwand hängt schon. Und das Blütenweiß des 220 Quadratmeter großen und 800 Kilo schweren Dings soll auf keinen Fall Schaden nehmen.

Am heutigen Sonnabend hat die größte Leinwand der Stadt ihren ersten Einsatz. Genau wie der ganze Friedrichstadtpalast, der sich während der Berlinale vom größten Showtheater Europas in das größte Kino der Stadt verwandelt. Und das zum ersten Mal und für mindestens fünf Berlinale-Jahre.

Technikmann Röder, 59, ist ein alter Hase. Und mit der aufwendigen Bühnentechnik des Showpalasts an der Friedrichstraße seit 25 Jahren vertraut, aber die hämmernden und klopfenden Vorbereitungen für das Filmfestival färben ihm trotzdem den Kopf rosarot. Die Kinotechnik sei absolutes Neuland, sagt er, „hochkarätig, spannend!“ Als Abendspielleiter hat er sie dann bei der Vorführung von „Effi Briest“ mit Argusauge im Blick.

Mehr als 20 Leute haben tagelang daran gearbeitet, die knallharten Qualitätsvorgaben der Berlinale für Bild und Ton umzusetzen. Sein „Eins-a-Kinoequipment“, wie Intendant Berndt Schmidt die Neuanschaffung des Hauses nennt, kostet rund 250 000 Euro. „Gekauft, gemietet und geleast.“ Dazu gehören Leinwand, Filmprojektoren und vor allem der Dolbysurround-Ton, der aus 170 Boxen schallt.

Auf den ist besonders Tonchef Thomas Heidel neugierig, denn im Gegensatz zu den üblichen rechteckigen Kinosälen ist der im Friedrichstadtpalast konisch. Günstig für die Sicht, komplizierter für den Ton. Toningenieur Heidel hofft trotzdem, dass die Wettberwerbs-Filme und die der neuen Festival-Schiene Gala und des Wettbewerbs, die im Friedrichstadtpalast laufen, so super klingen, dass zukünftig auch die hauseigenen Shows stärker mit Soundeffekten bestückt werden. Auch sonst freut er sich über die Berlinale im Haus. „Ich find’s ganz toll“, strahlt er, „das holt jüngere Leute her.“

Dass die Berlinale gut für das Image des Friedrichstadtpalasts ist, glaubt auch Intendant Berndt Schmidt, 45. Der war gerade auf Konkurrenzbeschau in Las Vegas und hat festgestellt, dass seine Erfolgsshow „Oi“, die während des Festivals Theaterferien macht, im amerikanischen Entertainment-Mekka bestens mithalten kann. In Berlin hinge dem legendären Showpalast dagegen ungerechterweise noch immer ein staubiges Rentner-Image an. Besonders im Westen.

Umso froher ist der Chef, dass zur Berlinale junge Stars wie Heike Makatsch, Daniel Brühl oder Sternekoch Tim Raue ins Haus kommen. „Dann denken die Leute, guck mal, der alte Friedrichstadtpalast ist ja doch interessant“, lacht Schmidt. Immerhin schwingen weit über 100 Jahre große Theater- und Revuegeschichte in diesem Namen mit. Mit klangvollen Namen wie Max Reinhardt, Erik Charell oder Erwin Piscator. Und der vor 25 Jahren im April 1984 eröffnete neue Friedrichstadtpalast ist „der letzte Prunkbau der DDR“, sagt der Intendant. Schon deswegen lohne sich der Besuch.

Ausschlaggebend für die seit drei Jahren laufenden Überlegungen, Berlinale-Kino zu werden, sei aber nicht die Hoffnung auf rasante Zuschauerzuwächse gewesen, sagt Berndt Schmidt. Zumal die Vermietung an das Festival weniger Geld einbrächte als die Show. Sondern? „Ich bin Berlinale-Fan, mag Dieter Kosslick, mitmachen zu dürfen ist eine Auszeichnung, und vor allem muss man manche Dinge einfach machen, weil sie gut sind. Egal was es einbringt.“

Auf jeden Fall Glamour-Effekt für die Friedrichstraße und den Palast. So mitten im Licht der Fernsehkameras. Und auch eine Aufwertung des Ostens als Festivalspielstätte, wo es außerhalb des Zentrum am Potsdamer Platz bislang nur das International und Babylon Mitte gab. Da macht der Friedrichstadtpalast mit seinen über 1800 Sitzplätzen und 2800 Quadratmetern Bühnenfläche ordentlich was her.

Auf welchen Film sich Berndt Schmidt besonders freut? „Food Inc.“ prustet er los. Mit der Dokumentation über Lebensmittelmassenproduktion eröffnet hier Sonntag das „Kulinarische Kino“. „Eklige Tatsachen über Essen auf 220 Quadratmetern“, schüttelt sich der Intendant. „Mal sehen, ob sich bei der Gala hinterher noch wer an Tim Raues Suppe traut.“

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