Friedrichstraße : Der Bauchnabel Berlins

Wieder verändert sich die Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße: Bald beginnen die Bauarbeiten.

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Friedrichstrasse
Das Berliner Leben 1908. -Foto: promo

Was hatten Konrad Adenauer und Harald Juhnke, Kaiser Wilhelm und Hildegard Knef, Ernst Reuter, Willy Brandt und Atze Brauner gemeinsam? Einen Mercedes. Mal weiß, mal schwarz, vielleicht auch grau oder preußisch-blau: Der Silberstern auf der Kühlerhaube schien von Geburt an dazu bestimmt, ein deutsches Statussymbol zu werden. Wilhelm II. moserte zwar an einem Frühlingsmorgen anno 1904: „Solange ich ein warmes Pferd habe, besteige ich einen solchen Stinkerkarren nicht“, aber dann ließ er sich doch damit umherkutschieren, rollte zu den Badewannen, die im Hotel Adlon höchsten Komfort boten, und bastelte sogar höchstselbst eine Anlage, die dem Stinkerkarrenlenker Fahrtrichtung und Geschwindigkeit signalisiert.

Vor genau 100 Jahren präsentierte die Daimler-Motorengesellschaft ihre edlen dunklen Fahrmaschinen in einem Ausstellungsraum Unter den Linden, nahe der Ecke zur Friedrichstraße. Und nun sind sie wieder in der einstigen Pracht-Avenue, diesmal mit der feinen Adresse Unter den Linden 14. „Mercedes-Benz Gallery“ nennt sich der PS-Palast mit den schweren Messingtüren und haushohen Schaufensterscheiben, wo uns die History des Hauses der Automobil-Lords auf dem Silbertablett präsentiert wird.

Heute möchten wir es genau wissen: Seid ihr Jung-Mercedianer euch bewusst, dass ihr euer täglich Brot an einer der berühmtesten Kreuzungen Berlins verdient? Unter den Linden/Friedrichstraße – das ist doch ein Mythos. War da nicht mal was? „Ja“, sagt die Dame am Empfang, „ältere Leute erzählen gern von früher. Was hier für ein Leben war. Die Cafés. Die Läden. Und die Stühle auf der Mittelpromenade, die man mieten konnte zum Sitzen und Gucken, wenn die anderen flanierten ... Da wird uns klar, dass es etwas Besonderes ist, hier zu arbeiten.“ Ein paar Schritte weiter locken die großen Augen von Barbara Becker zum Nice-Price-Vergnügen in den Garten der tausend (Douglas)-Düfte, und auch hier spricht die Visagistin von der „Ehre, an diesem Platz arbeiten zu dürfen“. Gegenüber, unter dem Bronze-Tell am Giebel vom 1936 erbauten Haus der Schweiz, friert der Motz-Verkäufer unter den Arkaden: „Hier isset jut“, sagt er, „vor allem det Publikum – ausjesprochen nett“.

Die Leute hasten vorbei, die Natursteinfassaden der Häuser, die die Kreuzung umstellen, sind nicht gerade einladend. Fast alles ist protzig-monumental, das Autohaus Lindencorso und der jüngste architektonische Steinwall, den seine Münchner Bauherren „Upper East- Side“ benannt haben, New York lässt grüßen. Mit Berlins berühmtester Ecke hat das so viel zu tun wie Claire Waldoff mit Maria Callas.

Friedrichstraße im Wandel
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1 von 8Foto: promo
12.03.2010 18:47


Hier war einst so viel Tempo und Berliner Luft Luft Luft wie nirgendwo in der Millionenmetropole. Vielleicht kann man die Ecke mit dem Ku’damm oder mit dem Potsdamer Platz vergleichen. Sie verflocht zwei berühmte Straßen, Griebens Reiseführer von 1927 schreibt über die „Linden“: „Die schönste Straße der ganzen Stadt, die Via triumphalis Berlins, zugleich Hauptanziehungspunkt für den Fremden. Sie ist 60 m breit und bis zur Schloßbrücke 1,3 km lang. Eine Reihe von öffentlichen und privaten Prachtbauten geben ihr ein besonderes Gepräge. Hier befinden sich die vornehmsten Geschäftsläden, zum Teil mit höchster Eleganz ausgestattet“. Und dann die Friedrichstraße, die die „Linden“ kreuzt: „Der belebteste und in jeder Beziehung eleganteste Teil der Straße reicht vom Bhf. Friedrichstr. bis zur Leipziger Str.; in diesem Abschnitt ist der Verkehr außerordentlich lebhaft, ein ununterbrochener Strom von Menschen, der je nach der Tages- oder Nachtzeit sein Gesicht ändert, bewegt sich von morgens bis nach Mitternacht langsam durch die Straße. Laden an Laden und Geschäftshaus neben Geschäftshaus, nur hier und da durch Hotels, Cafés oder Restaurants unterbrochen.Hier befinden sich Bankhäuser von Bedeutung, Konfektionshäuser mit Weltruf und Juweliergeschäfte mit jahrhundertealtem Namen. In den Abendstunden bietet die Straße durch die Fülle der verschiedenartigen farbigen Lichtreklamen, die sich in ähnlichem Maß nur noch am Potsdamer Platz findet, ein besonders interessantes Bild“. Mehr noch: Hier stand der „Auskunftskiosk des Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamtes der Stadt Berlin“, die Ecke war vom offiziellen Stadtführer „Jeder einmal in Berlin“ zum Anfangs- und Endpunkt der Pflichtroute für Berlin-Touristen erkoren worden. Hier begann am 19. Dezember 1902 der erste Verkehrspolizist in Preußen seinen Dienst – erst mit einer Trillerpfeife, dann, um sich gegen den Verkehrslärm zu behaupten, mit einer Trompete. Im Sommer 1888 beleuchteten zum ersten Mal elektrische Lampen die Kreuzung, Euphorie packte den Lokalreporter: „Die leuchtenden Kugeln, die wie Gestirne aussahen, leuchteten so hell, daß man unten bequem die kleinste Schrift in der Zeitung lesen konnte“.

Die Linden-Ecke war auch wegen ihrer drei Cafés berühmt: Kranzler, Bauer und Victoria. Im „Bauer“ (heute steht hier das Lindencorso) strahlte 1884 zum ersten Mal in einem Restaurant elektrisches Licht, hier soll der Gast die Qual der Wahl zwischen bis zu 800 europäischen Zeitungen gehabt haben, ein Service, der dem Herrn Mathias Bauer aus Wien jährlich die stolze Summe von 30 000 Mark wert war. Im Kranzler gegenüber, wo heute die Gäste im Westin Grand Hotel schlafen, kamen sie auf die Idee, Tische und Stühle auf eine Rampe am Bürgersteig ins Freie zu stellen – sehen und gesehen werden war nicht nur im „Walhall der Gardeoffiziere“ die Devise, um die Jahrhundertwende gab es hier sogar einen moralischen Patrouillendienst: „Nehmen die Beamten wahr, dass ein Herr eine anständige Dame in auffallender Weise verfolgt, sich ihr nähert oder sie gegen ihren Willen begleitet, so sollen sie der Dame schützend zur Seite treten“.

Schon Heinrich Heine schrieb: „Ja, Freund, hier unter den Linden kannst du dein Herz erbaun, hier kannst du beisammen finden die allerschönsten Fraun.“ Doch Vorsicht! „Blamier mich nicht, mein schönes Kind. Und grüß mich nicht unter den Linden. Wenn wir nachher zu Hause sind, wird sich schon alles finden“.

Die Mischung aus Tradition, Tortenkunst und Tingeltangel, die die Lindenecke jahrzehntelang so belebt wie beliebt gemacht hatte, zerfiel mit den Gebäuden im Bombenhagel des Krieges und danach zu Staub, nichts war mehr, wie es war – nur der Nimbus blieb dieser Ecke treu. Und eines Tages besann sich die DDR auf das Besondere dieser Kreuzung und begann, die Friedrichstraße und damit die drei frei gewordenen Ecken (die westliche mit dem Haus der Schweiz hatte den Krieg halbwegs überstanden) zu bebauen. Dabei wurden die beiden Hauptgebäude an der nördlichen und südlichen Ecke so in die „Linden“ versetzt, dass jeweils ein davor gelagerter Platz dem Ensemble eine gewisse Leichtigkeit gab.

Auf dem Grund des ehemaligen Café Bauer stand nun, an diesem 5. Mai 1966, das neue „Lindencorso“ – im oberen Teil mit Büros für die Bauakademie ausgestattet, unten vielleicht als nostalgische Erinnerung an die wilden Zwanzigerjahre gedacht. Jedenfalls hatte das Lindencorso eine sehr beliebte Nachtbar, in der sich die Tanzfläche kurz vor Mitternacht schlagartig leerte, weil die Besucher aus dem Westen bis Klock null Uhr im nahen Tränenpavillon erwartet wurden. Nachmittags gab es Kaffeehausmusik, im Espresso herrschte den ganzen Tag über fast ein wenig französisches Flair, das Restaurant war meistens ausgebucht.

Das Interhotel Unter den Linden soll die Hoteltradition des Victoria fortsetzen, es wird nahe dem Bahnhof Friedrichstraße – jedenfalls in seinem Restaurant – zum ersten Wiedersehens-Anlaufpunkt mit dem Westbesuch. Prominente Künstler wohnen hier, „es ist ein besonderes Gefühl, aufzuwachen und auf diese berühmte Kreuzung mit ihrer Geschichte zu schauen“, hatte einst Will Quadflieg gesagt; Udo Jürgens’ Charme lässt eine hübsche blonde Volontärin beim Interview bis über beide Ohren erröten, im Gästebuch der ersten beiden Jahre stehen die Namen von Werner Egk, Aram Chatschaturjan, Mario del Monaco, Juliette Greco, Igor Oistrach, Rudolf Forster. Jeden Mittwoch marschieren unten an der Kreuzung die Soldaten zum Großen Wachaufzug Richtung Neue Wache, Preußenschritt und Tschingdarabumbumm werden zur Touristenattraktion.

Einmal, Mitte Juni 1978, peitschen sogar Schüsse über die Kreuzung, einer Frau fliegt eine Kugel durch die Handtasche. Ein sowjetischer Soldat war fahnenflüchtig geworden, hatte einen Kleintransporter erobert und will in den Westen. Als er seine Verfolger bemerkt, setzt er seine Flucht zu Fuß fort, aber es gelingt ihm nicht, den Weg mit der Kalaschnikow freizuschießen. Er versucht, sich selbst zu töten, wird mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht – und später zu zehn Jahren verurteilt.

Zu dieser Zeit ist die südwestliche Ecke noch leer, mal abgesehen von einem Flachbau, in dem es Auto-Ersatzteile gibt, und da viele Menschen Trabant-Auspuffs und Frontscheiben brauchen, steht dort ewig eine menschliche Auto- Schlange – bis nicht etwa der Zustand mit dem Ersatzteilmangel behoben, sondern der ganze Laden einfach an den Stadtrand verlegt wird. Problem gelöst. Aber dann, 1985, startet der Bau der schönsten Ost- Berliner Herberge. Im Grand-Hotel schwingt sich eine attraktive Freitreppe durch die Halle, in der an der Rezeption die neuesten West-Zeitungen verkauft werden – aber nur für die Hotelgäste aus dem „NSW“, dem „nicht sozialistischen Wirtschaftsgebiet“. Andere Gäste kamen hier gar nicht in die Betten. Die Fürsorge für die devisenzahlende Kundschaft ging so weit, dass ein extra Jagdzimmer mit Geweih und einer kleinen Orgel gebaut wurde – damit die westlichen Jagdbrüder nach dem Halali ihre Erfolge mit Schrot und vor allem Korn feiern konnten.

Geschichten aus der jüngeren Vergangenheit der Häuser an dieser Kreuzung wären unvollständig ohne jenen geheimnisvollen Bericht, den die Stasi streng geheim über einen Empfang der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 30. Oktober 1987 im Grand-Hotel verfasste. Da wird eine ganze konspirative Komparserie auf Trab gebracht. „Zur operativen Kontrolle und Sicherung des Empfangs und zur Erarbeitung von Hinweisen zu operativ-bedeutsamen Kontakten werden folgende Maßnahmen realisiert“, heißt es einleitend, und dann werden sie einzeln aufgezählt, die Maßnahmen. Darunter der „Einsatz von IM als Teilnehmer des Empfangs“ oder die „Einleitung von Fahndungsmaßnahmen an den Grenzübergangsstellen zur Hauptstadt der DDR zu Teilnehmern aus dem NSA“ (Nichtsozialistischen Ausland, d. Red.). Unter den teilnehmenden Gästen wurden folgende Personen festgestellt: „Eber“, „Keil“, „Grille“, „Alster“ und Ehefrau, „Franke“, „Kamm“, „Julius“, „Nero“, Heym, Stefan, Hermelin, Stefan, mit Ehefrau. Später dann folgen die Berichte der IM über die Ost-West-Gespräche, die an diesem Abend geführt wurden, und dann bekommt jeder, der den Saal verlässt, seinen Schatten mit auf den Weg. Beispiel: „20.08 Uhr verlies eine männliche Person das Hotel und begab sich zum U- Bahnhof Stadtmitte. 20.21 fuhr diese Person mit einer U-Bahn Richtung Pankow ab. 20.35 verließ die Person die U-Bahn im Bahnhof Schönhauser Allee und begab sich zum S-Bahnhof, wo sie 20.55 mit einer S-Bahn in Richtung Bernau abfuhr. 21.19 verließ die männl. Person die S- Bahn im Bahnhof Zepernick, holte sich ein Fahrrad und fuhr auf der Schönower Str. in Richtung Ortsausgang. Hier geriet sie um 21.28 auf der Schönower Str. Höhe Kreuzung Buchenallee in Richtung Schönow fahrend außer Kontrolle“.

Und dann findet der Genosse Eckermann noch sehr wichtig, was ein FAZ- Mann im Gespräch sagte, nämlich: „Man müsse nun einmal die Realitäten, wie sie sind, anerkennen, und glauben, dass die Deutschen zusammengehören. Sie können und müssen sich begegnen in Ost und West, nur so könne das Deutschtum erhalten bleiben“. Immerhin: „Offene Provokationen konnten nicht festgestellt werden“.

Bis heute ist das Grand-Hotel eine begehrte Herberge in bester Lage. Gemeinsam mit dem Haus der Schweiz, dessen Standort die Eidgenossen als Bauchnabel Berlins bezeichnen, hat es die stürmische Wende-Zeit überlebt. Das Linden-Hotel wurde ebenso abgerissen wie das alte Lindencorso, zum Leidwesen der einstigen Baustadträtin Dorothee Dubrau, die den Erhalt der freien Räume nicht verhindern konnte – die Investoren mit ihren Geldkoffern waren am Ende stärker als die nostalgische Sehnsucht nach der jüngsten Vergangenheit. Oder nach den drei Cafés. Übrigens hatte zu DDR-Zeiten das Grand-Hotel ein Café Bauer, nach der Wende kaufte das neue Lindencorso-Konsortium den Namen und versprach, dieses Café einzurichten. Das neue Café Bauer kam nie. „Letzten Endes geht es darum, wer die meiste Miete zahlt“, sagt Dorothee Dubrau, „das Café hätte sie nicht bezahlen können.“ Also steht da ein Autohaus. Die Zeiten mit den berittenen Gardisten sind vorbei – so muss man sich mit der gewissen Kargheit an dieser Ecke wohl anfreunden. Dennoch – Buchhändler Wieland Giebel, Chef der Berlin Story in den Kaiserhöfen, empfindet es als „großes Privileg“, gerade in dieser Ecke zu sein. Und dann lehnt sich der Historiker zurück und schwärmt: „Im Sommer setze ich mich auf die Bank auf der Mittelpromenade und stelle mir vor: Alle Könige sind hier entlanggekommen, Friedrich der Große, der Große Kurfürst, zu Pferd, zu Fuß ... Und da denke ich: Ich habe wirklich ein unheimliches Glück!“

Leider wird dieses Gefühl demnächst jäh unterbrochen: Die BVG baut unter der Kreuzung einen Bahnhof für jene U-Bahnlinie 5, die niemand braucht, aber die nun einmal beschlossene Sache ist. Sie verläuft vom Hauptbahnhof zum Alexanderplatz und kreuzt die U 6. Der Riesen-Aufriss soll noch 2010 beginnen. Was in den letzten Jahren an dieser Kreuzung gebuddelt wurde, ist dagegen ein Kinderspiel. Der Berliner wird sich auch daran gewöhnen. Eines Tages schütten sie die Baugrube wieder zu, und die Kreuzung wird noch berühmter – mit ihrem neuen U-Bahnhof. Und mit dem alten Nimbus, auch ohne die Gardeleutnants im Café Bauer. 

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