Friedrichstraße : Tränenpalast wird zum Museum der Teilung

Bis zum Mauerfall passierten Millionen Deutsche aus Ost und West die Grenzabfertigungsanlage an der Friedrichstraße. Spätestens im Herbst 2011 soll das leer stehende Gebäude neu eröffnet werden - als Geschichtsmuseum. Noch feilen die Bonner Planer am Konzept.

Lothar Heinke

Die Bauzäune rund um das Spreedreieck am Bahnhof Friedrichstraße sind gefallen. Neben den umstrittenen neuen, achtgeschossigen Bürotürmen tritt nun wieder ein Gebäude hervor, das wie kaum ein anderes zur deutsch-deutschen Teilungsgeschichte gehört: der „Tränenpalast“, jene Grenzabfertigungsanlage, die bis zum Mauerfall Millionen Deutsche aus Ost und West passiert haben. Hier flossen die Tränen und weinten die Seelen, wenn sich Verwandte und Freunde voneinander verabschiedeten, manchmal für immer, „weil man nie wissen konnte, ob und wann man sich mal wiedersieht“, wie ein Zaungast sagt, der durch die hohen Fenster in den leeren Saalbau blickt.

Nach einem Intermezzo als Veranstaltungssaal fügt sich nun der Palast am Ufer der Spree in das Gedenkstättenkonzept Berliner Mauer ein. Er soll als „historische Nahtstelle der deutschen Teilung erhalten bleiben und dauerhaft als Gedenkstätte genutzt werden“, sagt Hans Walter Hütter als Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn. Dieser Hort deutscher Historie ist für Konzeption und Inhalt dieses künftigen „Museums der Teilung“ zuständig. Was ist geplant? Hans Walter Hütter nennt drei Komplexe: die Teilung im Alltag der Deutschen – wie haben sich Ostler und Westler dabei gefühlt, was haben sie erlebt und erlitten? Was geschah zwischen Herbst 1989 und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990? Und was erzählt schließlich der Bau selbst von seinem „Geburtsjahr“ 1962 bis zum Herbst 1989? Es wird keine detailgetreue Rekonstruktion des Abfertigungszeremoniells geben – „wir wollen keine Geschichte nachstellen, sondern die Themen in diesem authentischen Gemäuer mit modernen musealen Mitteln präsentieren“, sagt der Chef vom Bonner Geschichtshaus. Bis zum kommenden Sommer muss das Konzept fertig sein, so bleibt ein Jahr für den Aufbau. Eröffnet werden soll spätestens im Herbst 2011.

Dann werden die Besucher in der 400 Quadratmeter großen Halle sehen, was jetzt in der „Findungsphase“ für diese Schau in die engere Wahl kommt. So viel wie möglich sollen Originale aus den Sammlungen in Bonn, Leipzig und Berlin gezeigt werden, zum Beispiel die Kontrollkabinen, durch die man mit klopfendem Herzen hindurch musste, bis sich mit einem Schnarrton die nächste Tür öffnete. Zeitzeugen sind gefragt, ihre Geschichten und Erlebnisse zu erzählen, „vielleicht finden wir auch welche, die dort damals Dienst getan haben“. Geschichte soll ein Gesicht bekommen, „wir möchten eng mit der Stiftung Berliner Mauer an der Bernauer Straße zusammenarbeiten und uns ergänzen“, sagt Hans Walter Hütter. Er lobt die Zusammenarbeit mit Berlins strengen Denkmalspflegern, die dafür gesorgt haben, dass die hohen Fenster „in der Art des früheren, leicht gewellten Glases aus den späten sechziger Jahren“ erneuert wurden. Auch die kleinen blauen Mosaikfliesen im Sockel sind dem Vorgängerbau ähnlich, „dagegen müssen wir das Dach abdichten und noch eine Heizung einbauen, denn die fehlte, weil hier die Leute mit ihren Mänteln rasch rein- und wieder rausgingen“, sagt der Bauunternehmer Harm Müller-Spreer, dem das ganze Spreedreieck gehört und der mit dem Bund einen 20-jährigen Mietvertrag für den Tränenpalast abgeschlossen hat. In den benachbarten 40 Meter hohen Bürotürmen arbeiten bereits über 700 Menschen verschiedener Firmen, „und wenn unten Geschäfte und demnächst auch ein Café locken, dann ist hier noch mehr Leben, und das kann später für den Tränenpalast nur gut sein“, sagt Hans Walter Hütter. Seine Miete liegt monatlich mit einer vierstelligen Summe „deutlich unter dem, was an dieser Stelle kommerziell bezahlt wird“, und Hauseigentümer Müller-Spreer findet das Geschichtsmuseum am Bahnhof Friedrichstraße ideal: „Eine bessere Nutzung gibt es nicht“.

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