Berlin : Frieren mit Freude

Open-Air-Gottesdienst in der Stadtmission

Ariane Bemmer

Der Pfarrer Filker, der hat Humor. Als er da oben auf der Bühne steht, eine stattliche Erscheinung, braun gebrannt, mit schlohweißem Haar und im Talar, und vor ihm sitzen die Menschen dicht gedrängt auf vielen Klappbänken, und der kalte Wind fährt durch den Ahorn, die Hecken und die dünnen Sommerjacken, da sagt er, ja, er sehe die Blicke, die wir zum Himmel werfen, und er sei wie wir der Meinung, wir sollten Gott danken, dass es nicht so heiß ist heute. Da kichern die Menschen auf den Bänken.

Es war der Gottesdienst zum Sommerfest der Stadtmission am Lehrter Bahnhof. Während überall Buden, Bühnen und Stände aufgebaut wurden, ging es am Rande des Missionsgeländes, auf der Wiese zwischen Sozialwohnungsbauten, darum, wie man Gott mit allen Sinnen glauben könne. Es ging um den 1. Johannesbrief. Der sei ziemlich kompliziert, sagte der Pfarrer, und vielen Menschen liege das Komplizierte ja nicht so. Es geht in dem Brief darum, dass jemand was beschaut und betastet hat, was das „Wort des Lebens“ ist, und das will er weitergeben, damit „auch ihr Gemeinschaft mit uns habet“ – mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus, „damit eure Freude vollkommen sei“. Ja, was das nur meine, fragt der Pfarrer und noch schlottern die Zuhörer im Wind. „Christ werden heißt, sich mit allen Sinnen freuen“, ruft er dann, und da werden die Wolken dünner, der Wind ebbt ab, man kann es spüren, eigentlich ist Frühling. Ein Freuen, das von Herzen käme und ausstrahle in die Hände, die Beine, in den Kopf, sagt Filker. Andererseits sei mit einem Appell zur Freude ja noch keine Freude in der Welt.

Pfarrer Filker macht die Sache einfach. Er hält weniger eine Predigt, mehr ein Referat, in schlichten Worten. Er wisse genau, dass hier viele sitzen, die mit dem Glauben an Gott Schwierigkeiten haben. Sie sollten aufhören zu fragen, ob es einen Gott gebe. Diese Frage könne keine Antwort haben, außer den Glauben. „Lesen Sie die Bibel“, ruft er und manche nicken. Auch der Mann, der von der Wohnung aus zuhört, den Kopf in den Arm gestützt, halb versteckt hinter dem Blumenkasten. Am Ende mahnt Filker noch mal alle Sinne an. Wir sollten sehenden Auges durchs Leben gehen, hören, wenn jemand um Hilfe rufe, und reden über das Gute. Wir sollten auch riechen, allerdings nicht in den Räumen der Stadtmission, sagt er, da sollten sie lieber mal lüften, da kichern wieder alle. Der Pfarrer ist ein guter Unterhalter. „Der Grund zur Freude“, sagt Filker, „ist das Leben mit Jesus Christus.“

In der Kollekte landen viele Scheine. Auch der Aufruf war an alle Sinne gerichtet: In den Taschen die Portemonnaies erspüren, die Scheine knistern hören, sie ein letztes Mal anschauen – und dann ins Körbchen legen.

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