Berlin : Frieren und Protestieren: Immer wieder mittwochs für Mumia Abu-Jamal auf die Straße

Thomas Loy

Breitscheidplatz, immer freitags, 18 Uhr: Nur weg hier. Das vegetationslose Plateau im Januar so gegen Ladenschluss ist reichlich trostlos. Kälte und Dämmerung treiben vermummte Gestalten vor sich her. Auf dem halben Weg zwischen Europa-Center und Gedächtniskirche hat sich dennoch ein dunkles Menschen-Knäuel gebildet. 50 Frauen und Männer disziplinieren ihren inneren Schweinehund, hüpfen, bibbern und schauen auf die Uhr. Sie demonstrieren für die Auflösung der Nato, gegen die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei, gegen die Todesstrafe und gegen noch einiges mehr. Jeden Freitag stehen sie hier, immer von 18 bis 19 Uhr. Manchmal wird es auch 19:15 Uhr. Spätestens 19:30 Uhr ist der Platz wieder leer.

Seit dem Ausbruch des Kosovo-Krieges vor fast drei Jahren geht das so. Es sind die Unentwegten. Mit der steten Wiederkehr ihres Protestes vergewissern sie sich ihrer politischen Relevanz. Die Boxen knarzen verdächtig. Zwei Leute knien vor dem Verstärker und drehen an den Reglern. Zur Straße hin wird ein Tapeziertisch aufgebaut, der bald mustergültig angeordnete Papierstapel trägt. Thomas Suske ist mit seinem "Schwalbe"-Roller vorgefahren, holt die Lichtanlage aus dem kleinen Anhänger. Strom kommt aus einem tragbaren Generator.

Ein Serbe schwenkt hoch über dem Tapeziertisch die Fahne des alten Jugoslawien - blau, weiß, rot mit rotem Stern. Die Anlage streikt immer noch. Ein Kameramann baut sein Stativ auf. Am Rande läuft eine Diskussion mit den Polizeibeamten. Sie mahnen, keine Symbole der verbotenen PKK zu zeigen. Die wöchentliche Demo ist bis zum Juli polizeilich angemeldet. Anfangs musste Organisator Gunnar Krüger jede Woche einen neuen Antrag stellen, später wurden vier Termine auf einmal genehmigt, zuletzt segnete die Polizei gleich eine ganze Demo-Serie ab. Je nach Witterung kommen zwischen fünf und 50 Leute. Man werde solange weitermachen, wie es Ursachen zum Weitermachen gebe, sagt Birgit W. von der Berliner Anti-Nato-Gruppe (BANG). Ein Ende ist nicht abzusehen.

Russen aus Sibirien waren schon da, wünschten den "Genossen" alles Gute. Weniger erfreulich war der Besuch von UCK-Kämpfern. Danach musste ein neuer Tapetentisch besorgt werden. One-one-one. Statt Mikro gibt es ein Megaphon. Licht an, Kamera läuft, die Kundgebung kann starten. "Ich begrüße alle Anti-Militaristen... Nato-Krieg gegen Jugoslawien war nicht die einzige Schweinerei... ich übergebe an die Genossinnen und Genossen." Jeder darf mal ans Megaphon, sagt Birgit W.. Eine PDS-Politikerin spricht über eine Reise in die Türkei, über Erschießungen und Folter. Dann nimmt sich BANG-Sprecherin Brigitte Queck das Gerät, beschwört das Volk, endlich aufzustehen gegen Atomkraft und BSE, "bevor eure Kinder in den Abgrund stürzen." Wie bei einem Brecht-Chor ruft es "Bravo" aus dem Pulk der Zuhörer. "Weg mit den miesen Politikern." Zuletzt wird gemeinsam gesungen: "Hoch lebe die internationale Solidarität."

Unter den Linden / Ecke Neustädtische Kirchstraße, immer mittwochs, 16 Uhr. "Free Mumia". Ein Fahrradkurier grüßt im Vorbeirasen mit ausgestrecktem Arm. Die Damen lächeln. "Frohes Neues", wünscht der Kontaktbereichsbeamte und tippt kurz an seine Mütze. "Wir werden uns ja noch öfters sehen." Wirklich nett, diese Demo. Acht Aktivisten, locker an amnesty international angeschlossen, sammeln Unterschriften für den zum Tode verurteilten US-Journalisten Mumia Abu-Jamal. Die Liedermacherin Bettina Wegner ("Sind so kleine Hände") hatte vor anderthalb Jahren eine Sendung über den Fall Abu-Jamal gesehen und war so empört, dass sie noch am gleichen Abend ihre Schwester Claudia anrief. Seitdem stehen die beiden jeden Mittwoch Unter den Linden, 50 Meter von der scharf bewachten US-Botschaft entfernt. Die Pappe mit den Resolutionen ist handbemalt. Der Info-Tisch stand früher auf dem Balkon der Wegner-Eltern. Warum gerade Mumia? "Man kann eben nicht das ganze Elend der Welt beenden", sagt Claudia. Das Schicksal dieses einen Menschen habe sie zutiefst erschüttert. Seine Verurteilung als Polizistenmörder sei nur durch grobe Verfahrensfehler im Prozess zu erklären.

Abu-Jamals Engagement für die schwarze Minderheit ist den Frauen zudem sympathisch. Für einen unschuldig verurteilten Kinderschänder würde Claudia wahrscheinlich nicht demonstrieren. Inzwischen kennen sie Abu-Jamals Schicksal in allen Details, obwohl sie ihn noch nie gesehen haben. Die Gruppe hat Briefkontakt - "er weiß von uns". Ansonsten vertrauen sie den Angaben des Anwalts, dem auch Kopien der Unterschriftenlisten zugeleitet werden. Die Originale brachten sie früher alle paar Wochen persönlich in die Botschaft, bis sich die Angestellten weigerten, das Konvolut anzunehmen. Seitdem wird per Post geschickt. 14 000 Menschen haben für Abu-Jamal ihren Namen und ihre Adresse preisgegeben. An guten Tagen unterschreiben einige hundert Passanten, an schlechten, also bei starkem Regen oder Frost, nur drei oder vier. "Viele haben Angst, dass sie Geld geben müssen", erzählt Claudia.

Sie hat sich seit einiger Zeit hinter den Info-Tisch zurückgezogen. Das Zugehen auf fremde Menschen, das Erzählen der immer gleichen Geschichte und die Teilnahmslosigkeit der schweigenden Mehrheit haben sie "innerlich aggressiv" gemacht. Sie wollte es nicht soweit kommen lassen wie eine inzwischen ausgeschiedene Helferin, die den Leuten hinterherschimpfte, wenn sie nicht unterschrieben. "Man darf keine Verbissenheit aufkommen lassen."

Die reich geschmückten Diplomatengattinnen aus der russischen Botschaft würden inzwischen vorsorglich auf die andere Straßenseite wechseln, hat Torsten Hoffmeister festgestellt. Der Elektronikexperte spricht russisch und ist der erfolgreichste Unterschriftensammler. Zum Themenkreis Motivation und Beharrlichkeit beruft sich Bettina Wegner auf die Bibel: "Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt." Abu-Jamals Hinrichtung sei schon mehrmals aufgeschoben worden - für die Aktivisten eine Folge des internationalen Protests. Man werde weitermachen, bis er einen neuen Prozess bekommt.

Um 17:15 Uhr wird schnell abgebaut. Die Demonstranten ziehen sich ins Restaurant Zollernhof zurück. Früher ging man ins Café Einstein, aber die hatten bei einer Aktion zu Abu-Jamals Geburtstag abgelehnt, Strom zu spenden. Ein klarer Fall von Solidaritätsverweigerung.

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