Berlin : Frisch geliftet

Bernd Schüler

Nichts deutet darauf hin, dass sich in dem hochgeschossigen Plattenbau am Thälmann-Park eine kleine Idylle verbirgt. Die Fassade ist heute so grau wie der Himmel über dem Prenzlauer Berg. Umgeben von braunen Kacheln wartet man auf den Aufzug. Die Tür öffnet sich - und von der hinteren Kabinenwand springt einem ein Delfin entgegen. Drinnen stehen links Pinguine Spalier, die versonnen nach oben blicken. Gegenüber wälzt sich ein Walross, schwer und gemächlich. Über dem gelben Unterbau der Kabinenwände erstreckt sich ein blaues Meer, am oberen Rand hängen Eiszapfen. Die Fahrt mit dem Aufzug wird zu einem kurzen Ausflug in eine andere Welt: auf eine bunte Insel im grauen Häusermeer.

Entdeckt und erschaffen hat sie Eva Koberstein. Die Berliner Künstlerin ist Deutschlands erste professionelle Aufzugsmalerin. Seit 1993 hat sie 17 Fahrstuhlkabinen gestaltet, die meisten davon tun in Berlin ihren Dienst. Ob im Märkischen Viertel, in Schöneberg oder Hellersdorf - überall wurde ihre Idee von Wohnungsbaugesellschaften interessiert aufgegriffen und in einigen Häusern in die Tat umgesetzt. Zumeist verwendet Koberstein Motive aus der Tierwelt. Weil sie dabei vieles zusammenfügt, was nicht zusammengehört, wird die Begegnung mit den Dauergästen der Aufzüge zu einer belustigenden Angelegenheit: Giraffen umschlingen sich mit ihren Hälsen, in der Kabine gegenüber präsentiert ein Hirsch, sichtlich stolz, auf jeder Spitze seines Geweihs einen Apfel. Zugleich kommt man einem paradiesischen Zustand näher: Sehr entspannt blickt ein Leopard in einem weiteren Aufzugsgehege einem Gnu entgegen.

Ob sich der gehetzte Großstädter davon anstecken lässt und selbst in dieses idyllische Stillleben eintaucht, während er die Stockwerke überbrückt? Oder ob er sich nicht ernst genommen fühlt? Ein Bewohner wertet das Bild im Aufzug als kindisch, und in der Tat finden Kinder großen Gefallen daran. Doch andere Fahrgäste können sich begeistern. Eine alte Frau im neunten Stock strahlt: "Ein Glück, dass wir die neuen Aufzüge haben, weil wir jetzt nicht mehr so traurig rauf und runter fahren." Andere verlieren ihre Platzangst, erzählt Petra Ehlert von der Wohnungsbaugesellschaft Gesobau im Märkischen Viertel: Die Gestaltung lässt den Raum optisch größer erscheinen. "Das kommt durch die freien Flächen, auf die man schauen kann, ohne sich bedrängt zu fühlen", sagt Eva Koberstein. Auf keinen Fall will die Künstlerin ihre Aufzugsbilder in Serie produzieren lassen: "Für jedes Haus möchte ich etwas Neues entwerfen. Es ist eine Sache der Wertschätzung der Bewohner, dass man ihnen etwas Einmaliges schafft."

Die Wohnungsbaugesellschaften freuen sich, wenn die Herzen ihrer Häuser funktionieren. Denn in schwierigen Gegenden müssen sie um so mehr um die Zufriedenheit ihrer Mieter bemüht sein. Ein reizvoller Aufzug soll für manch anderen Missstand innerhalb und außerhalb der Wohnung entschädigen - und die Bausubstanz aufwerten. Das gelingt. "Wenn Besuch kommt", erzählt etwa eine Frau im achten Stock, "sagen die gleich, ach, habt ihr aber schöne Aufzüge." Da fühle man sich gleich zu Hause. Aber sie hätten auch mal was in den Wohnungen renovieren können", setzt die Frau noch hinzu.

Vor allem lassen sich so Ärger und Kosten eindämmen, die durch Vandalismus entstehen. Fahrstühle sind soziale Brennpunkte: wie Magneten ziehen die Aufzüge Zerstörungswut auf sich: Zündeln, sprayen, kratzen, treten - der Aufzug kriegt häufig etwas ab. Viele Gegenmaßnahmen sind ineffektiv oder haben Nebenwirkungen: Spiegel werden oft zerkratzt werden. Sie erzeugen Unbehagen: Wer will sich schon ständig gegenüber stehen sehen? Und eine dauerhafte Videoüberwachung ist kaum zu bezahlen.

Kobersteins Idee ist deshalb die Kunst der Stunde: "Wenn man die Aufzüge mit Witz und Farbe weniger anonym und zu etwas Besonderem macht, das die Leute berührt, wirkt das aggressionsabbauend", lautet ihre Philosophie. Die ersten Erfahrungen geben ihr Recht. Eine Stuttgarter Aufzugsfirma hat ihr schon schwarz auf weiß bestätigt: Zur eigenen Überraschung gab es seit der Neugestaltung keine Beschädigung mehr. "Auch in Hellersdorf sind die Aufzüge in einwandfreiem Zustand", berichtet Olaf Dietze von der ansässigen Wohnungsbaugesellschaft. Am Thälmann-Park finden sich nur einige wenige Kratzer auf den Glasscheiben, die über die bemalten Bleche montiert sind. Doch die heitere Stimmung des Bildes nimmt durch Kratzer keinen Schaden. Außerdem ist die Scheibe mit einer Folie überklebt, die bei Bedarf ausgewechselt wird.

Eva Koberstein denkt über neue Auftraggeber nach. Krankenhäusern zum Beispiel könnte eine exotische Phantasiewelt in den Aufzügen gut bekommen. Als freischaffende Künstlerin ist Koberstein auf besser situierte Kunden angewiesen. Doch Wohnungsbaugesellschaften sind knauserig. "Kunst ist die kostspieligste Variante, um das Problem Aufzug zu lösen", sagt Dietze. In Hellersdorf wird es deshalb kein weiteres Projekt dieser Art geben. Aber ein anderes: In Aufzügen sollen Werbeflächen eingerichtet werden, als Gegenleistung wollen die Werbefirmen Instandhaltungskosten übernehmen.

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