Berlin : Frische Brise am Gesundbrunnen

Die „Gartenstadt Atlantic“ aus den zwanziger Jahren ist wieder vorzeigbar: Alle 50 Häuser sind jetzt modernisiert

Christian van Lessen

„Hier möchte ich wohnen, nicht mehr in Prenzlauer Berg“, sagt der junge Charité-Arzt Sharif Bahri. Er geht durch die Heidebrinker Straße in Wedding, schaut auf Vorgärten und helle Fassaden. Und schwärmt von der Ruhe, der gepflegten Atmosphäre in der Nähe des lauten Bahnhofs Gesundbrunnen. Bahri, der sich hier um eine kleine Wohnung beworben hat, schlendert beseelt durch die „Gartenstadt Atlantic“, die Ende Oktober nach vier Jahren komplett modernisiert sein wird.

Warum sie Gartenstadt heißt, ist dem Arzt angesichts grüner Höfe mit hohen Bäumen klar. Warum die kleine Stadt aus 50 Häusern zwischen Heidebrinker, Zingster-, Behm-, und Bellermannstraße „Atlantic“ heißt, ist ihm schleierhaft.

Uta und Joachim Richert wohnen seit 45 Jahren hier, auch ihnen hat sich der Name der Siedlung nie recht erschlossen. Aber wenigstens die Wohnung der Richerts, die jahrzehntelang an Wochenenden mit ihrem Segelboot über Havel, Spree und Wannsee schipperten, hat etwas Schiffsähnliches. Viel Mahagoni an den Wänden, nautisches Gerät, hier eine Schiffsglocke, dort ein Barometer. „Es ist sehr laut geworden“, sagen die Richerts. Statt des Meeres rauscht von gegenüber der Verkehrslärm vom Bahnhof und dem großen Gesundbrunnen-Center davor.

Die Frau von der Gartenstadtgesellschaft, Schahrzad Derakhshan, ruft öfters bei den Richerts an, um spaßeshalber ihre Wetterprognose zu hören, wenn ein Mieterfest geplant ist. Vor dem 26.Oktober meldet sie sich voraussichtlich wieder, dann wird das Ende der Modernisierung gefeiert. Weil das eine bemerkenswerte Siedlung ist, die der Publizist und Architekturkritiker Gerwin Zohlen schon als Kandidat für die Weltkulturerbe-Liste der Unesco vorschlägt, haben sich Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker und führende Senatsvertreter angekündigt. Auch der ehemalige Regierende Eberhard Diepgen will kommen. Er ist hier aufgewachsen.

Zu seiner Zeit gab es noch die Kneipe „Zingster Quelle“, heute eine Kita. Es gab die „Plumpe“ gegenüber, den legendären Fußballplatz von Hertha BSC, der verkauft wurde. An die große Fußballzeit der Gegend erinnert noch der „Hertha-Shop“ neben dem „Lichtburg-Forum“, dem neuen Treffpunkt der Gartenstadt.

Zum grauen Wedding-Mietskasernen-Klischee passte sie nie. Der jüdische Architekt Rudolf Fränkel hatte sie mit 24 Jahren entworfen, von 1925 bis 1929 wurde sie gebaut. Fränkel wurde gleichrangig mit älteren Kollegen wie Max Taut, Ludwig Mies van der Rohe oder Erich Mendelsohn genannt. Das Kultur- und Kinozentrum „Lichtburg“, das er an der Behmstraße baute, wurde mit seiner Beleuchtung, den Tanzsälen, Lokalen und der großen Kegelbahn vor dem Krieg stadtbekannt.

Den Namen „Atlantic“ erhielt die Siedlung nach der ersten Bauherrin, der Export-Import-Handelsgesellschaft Atlantic. Damit erschöpft sich der maritime Bezug. Zunächst sollten fast 1000 Wohnungen entstehen, mit der Weltwirtschaftskrise blieben die Pläne bei 500 stecken. Dann erwarb der jüdische Verleger Wolffsohn die Siedlung, bis sie 1939 von den Nazis „arisiert“ wurde. Die Nachkommen mussten nach dem Krieg um die Rückgabe kämpfen, die Siedlung war zum Teil zerstört, die Lichtburg eine Ruine, die nicht wieder aufgebaut und in den siebziger Jahren abgerissen wurde.

Die heutigen Eigentümer der Siedlung erkannten, dass ein Juwel seinen Glanz zu verlieren begann. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war nur das Nötigste repariert worden. Auch von „Verslumung“ war die Rede. Erst 1995 wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt. Da standen 20 Prozent der Wohnungen leer, Tendenz steigend, sagt Gartenstadt-Sprecherin Schahrzad Derakhshan. Vor vier Jahren wurde mit den Architekten Matthias Muffert und Benita Braun-Feldweg gemeinsam mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz das ehrgeizige Modernisierungsprojekt gestartet. Neue Leitungen, neue Heizungen und neue Böden wurden verlegt, zum Teil neue Grundrisse gezogen und Aufzüge im „Kopfbau“ an der Behm-/Ecke Bellermannstraße eingebaut. Während der Arbeiten, Haus für Haus, mussten die Mieter ausziehen, bekamen für zwei Monate Ersatzwohnungen, Möbel wurden eingelagert. „Ein gewaltiger logistischer Aufwand“, erinnert sich Architekt Matthias Muffert.

Einmal ging etwas schief. Da mussten zwei Nachbarinnen mit den Möbeln der anderen leben. 32 Millionen Euro kostete die Modernisierung. Die Eigentümer sprechen, da hier viele Türken wohnen – Ausländeranteil 20 Prozent –, von einem Projekt „deutsch-türkisch-jüdischer Partnerschaft“. Kulturellen Aufschwung soll das „Lichtburg-Forum“ bringen, ein zentraler Veranstaltungsort, in dem 2004 die Initiative „Der Wedding lebt“ gegründet wurde. Leerstand ist in der Gartenstadt fast kein Thema mehr. Sharif Bahri hat Chancen, dass sich sein Wohnungstraum erfüllt.

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