Berlin : Frischer Wind im traditionsreichen Zelt

Guido Schirmeyer

Der Besuchermagnet soll auch nach der Eröffnung des Öko-Neubaus am Anhalter Bahnhof weiter in Betrieb bleibenGuido Schirmeyer

Unsere Jubilare kommen in die Jahre: 20 Jahre Einstürzende Neubauten, 25 Jahre Künstlerhaus Bethanien, und das Tempodrom feiert am 30. April sein 20-jähriges Bestehen. Unter dem Motto "Volles Pfund" werden ein paar Klassiker und Neuheiten der Berliner Kleinkunstszene auf der Zeltbühne Revue passieren, für deren Rampenlicht das Tempodrom ein Markenzeichen ist. Für Akteure wie Eisi Gulp hat im Tempodrom, das die Moessinger mit Esel, Schwein und Ziegenbock eröffnete, eine große Karriere begonnen. Seit vielen Jahren gastieren bekanntlich internationale Stars im Tempodrom, das nach zwei Jahrzehnten als Berliner Institution nicht mehr wegzudenken ist.

Auch an seinem inzwischen dritten Standort - auf dem ehemaligen Postgelände am Friedrichshainer Ostbahnhof - erfreut sich das Kult-Zelt regen Besucherzustroms, während die Chefin des Tempodroms, Irene Moessinger, von ihren neuen Büroräumen am Askanischen Platz über die Baustelle des künftigen Tempodroms - Grundsteinlegung 21. Mai - am Anhalter Bahnhof wacht. Dort soll, wie mehrfach berichtet, der 38 Millionen Mark teure zeltartige Öko-Neubau des Tempodroms Ende 2001 fertiggestellt sein.

Das alte Tempodrom-Zelt bleibt während der Bauarbeiten und nach Angaben Moessingers auch nach der Eröffnung des neuen Tempodroms weiter in Betrieb. "Wir verfahren zweigleisig", sagt Irene Moessinger. Man habe Anfang des Jahres eine Aktiengesellschaft "mit innovativen und erfahrenen Veranstaltern und Kennern der kulturellen Landschaft Berlins" gegründet. Das Management für das Tempodrom-Zelt hat der Züricher Eventveranstalter Martin Agosti übernommen. Der Schweizer, der seit zehn Jahren in Berlin lebt und als Konzertveranstalter mit seiner Firma "Turnstables" Erfahrungen im Showbusiness hat, wird heute bei einer Pressekonferenz sein Konzept für die am 30. April beginnende Tempodrom-Saison vorstellen.

Publikumsmagnet sollen wie in jedem Jahr die "Heimatklänge", diesmal zum Thema Brasilien, werden. Während des sechswöchigen Weltmusik-Festivals wird aus dem Tempodrom mit bis zu 4000 Besuchern pro Abend traditionell einer der größten Berliner Biergärten. Neben dem Musik-Marathon, den der Berliner Weltmusik-Experte Akbar Bukowsi inszeniert, wird der neue Veranstalter Martin Agosti mit bewährten Künstlergruppen und Veranstaltern aus der Berliner Clubkultur wie den "Surf-Poeten", der "Escobar" aus dem ehemaligen Yaam-Club oder "Neurocomic" zusammenarbeiten. Auch mit der "Maria am Ostbahnhof", einem seit Jahren erfolgreichen nächtlichen Szenetreff, will man gute nachbarschaftliche Kontakte pflegen.

"Nur gemeinsam mit anderen Künstlerinitiativen und einem anspruchsvollen Angebot können wir mit den übrigen Veranstaltern konkurrieren und ein so großes Zelt füllen", begründet Agosti sein Kooperationskonzept. Ebenso setzt Agosti mit neuen Events wie "Forgotten Paradise", "Brazil Lounge" und "Lazy Sundays" auf ein frisches Szenepublikum, das seit längerem den Bezirk Friedrichshain als neuen Wirkungsradius für den "Berliner Underground" entdeckt hat. Damit bleibt auch die Tempodromgründerin Irene Moessinger, einst Ikone der Hausbesetzerszene, ihren Wurzeln treu, auch wenn sie sich mit dem neuen Prachtbau ein Denkmal setzt, das von Teilen der Grünen als "zu massiv" kritisiert wird.

In Zukunft wird neben dem Haupthaus in Kreuzberg, das im Innern 4000 und draußen 1000 Besuchern Platz bieten wird, das alte "Mutterzelt" für die Offszene im Osten erhalten bleiben. In diesem Zelt war noch bis vor kurzem Nina Hagen polizeilich angemeldet. Die Popfee wohnte zeitweilig in einem Wohnwagen auf dem Tiergartener Tempodrom-Grundstück "An den Zelten" neben dem heutigen Bundeskanzleramt.

Nina Hagen, die heute mit ihrem Sohn Otis an einem See im Süden Berlins wohnt und gerade von Dreharbeiten für ihren Dokumentarfilm aus Indien zurückgekehrt ist, wird am 30. Mai im Tempodrom auftreten und danach regelmäßig an Dienstagen ihre "Shiva Night Shows" abziehen. Ihre neue "Nina Hagen Band 2000" ("die durchtrainiertesten Jungs, die ich je hatte") stellt Nina allerdings am 22. Juni im BKA-Luftschloss vor.

Irene Moessinger verbindet eine 18-jährige Freundschaft mit Nina Hagen: "Sie hat fast meine gesamte Tempodromzeit begleitet. Nina ist eine ganz dicke Herzfreundin. Was ich an Nina so liebe, ist dieses Grenzenlose, für sie ist alles möglich, sie bewertet nicht und integriert so viel. So sind nur wenige Menschen."Infos:

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben