Berlin : Frisches Grün mit Fußbodenheizung

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Von André Görke

Der Bauhelm saß gut, nur die gegelten Haare, die haben ein wenig gelitten. Als Huub Stevens, der Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, seinen künftigen Arbeitsplatz im Olympiastadion betrat, legte er erst einmal die Bauhandschuhe zur Seite, als wollte er sagen, brauch’ ich nicht, ist ja kein Dreck. Sondern guter, neuer Rasen aus seiner Heimat, den Niederlanden. „Wir sind ja bekannt für guten Rasen“, sagte Stevens, der ehemalige Trainer von Schalke 04. „Auch in Gelsenkirchen kam der aus den Niederlanden. . .“ Stevens lächelte stolz, dann packte auch Herthas Manager Dieter Hoeneß an. Einen Meter Rollrasen fügten sie ein, dann war es vollbracht: Seit gestern liegen 8000 Quadratmeter Rasenfläche im Olympiastadion.

Natürlich war der Job von Stevens und Manager Hoeneß nicht allzu schwer. Die harte Arbeit haben in den vergangenen beiden Tagen die Bauarbeiter erledigt. 750 Bahnen haben sie verlegt, 18 Lastwagenladungen, sauber aneinandergereiht, herrlich grün. Wenige Zentimeter tiefer befinden sich die neue Bewässerungsanlage und die neue Rasenheizung. Länge des Leitungssystems: 28 Kilometer; alle 30 Zentimeter verläuft unter dem Gras ein kleines Rohr. Wie, bitte schön, soll sich der Fan so etwas vorstellen? „Naja, wie die Heizung im Wohnzimmer“, sagte Rainer Ernst, einer der Landschaftsarchitekten. „Nur ein wenig größer.“

Ernst hat sich mit den Kollegen um den Rasen gekümmert. Seit etwa einem Jahr wurde dieser in den Niederlanden gezüchtet. Was ist so besonders daran? „Das sind sehr gute nordeuropäische Gräser“, sagt Peter Schließer, der Stadionverwalter. Nordeuropäische Gräser? „Weil es in Berlin nicht so warm ist wie in Spanien.“ Außerdem nehme das Dach dem Rasen die Sonne, die Luftzirkulation sei eingeschränkt. Der Rasen wird es überleben, sagte Schließer, „auch im Winter. Die Rasenheizung hält immer eine Temperatur zwischen drei und acht Grad. So gefriert er nicht, kann aber auch kaum wachsen.“

Dabei soll er das aber. Sagt Herthas Trainer Stevens. Natürlich sehe der neue Arbeitsplatz unglaublich gut aus, „aber noch ist er ein bisschen holprig“, sagte er. „Gut, dass er schon so früh festwachsen kann, er hat die Zeit wirklich nötig.“ Ursprünglich sollte der Rasen erst in zwei Wochen verlegt werden.

Das Olympiastadion ist kaum wiederzuerkennen, jetzt, da 50 000 Kubikmeter Erde abtransportiert worden sind und das Spielfeld um knapp drei Meter abgesenkt wurde. Die Haupttribüne wird in diesen Tagen zurückgebaut. So nennen es jedenfalls die Profis. Wegen des Denkmalschutzes. Tribünenabriss passt wohl besser. Im Dezember sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein, dann wird mit dem Bau der Logen begonnen. 15 so genannte „Skyboxen“ entstehen unter dem Dach, in den alten Reporterkabinen, weitere 28 Logen zwischen Ober- und Unterring. Die Bauarbeiten ziehen sich bis Mai 2004 hin, also bis zum letzten Tag des Umbaus.

Für die Hertha-Fans wird sich einiges ändern. Die Anzeigetafel wird demnächst entfernt und durch drei neue ersetzt. Im Herbst werden die ersten Fans unter dem neuen Dach auf der Gegentribüne sitzen. Die ersten Stützpfeiler stehen schon. Die Arbeiten verlaufen im Uhrzeigersinn. 3500 Tonnen Stahl und 31 000 Quadratmeter teflonbeschichteter Membrane werden verarbeitet. Die Dachkonstruktion ragt 68 Meter über den Tribünenbereich hinaus. Das Stadion fasst zu den Spielen von Hertha BSC 55 000 Zuschauer.

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