Berlin : Frischzellenkur für die Demokratie

149 Abgeordnete ziehen ins Parlament ein – 66 davon sind als Neuzugänge dabei. Wir stellen einige von ihnen vor

Ariane Bemmer,Claudia Keller

Es grünt im neuen Abgeordnetenhaus. Erstens wegen der vielen Mitglieder der Grünen (23, neun mehr als zuvor), zweitens sind viele Parlamentsneulinge dabei, die sozusagen grün hinter den Ohren sind. Und drittens scheint auch noch, als seien parteiübergreifend die Naturfreunde erstarkt. So gehören zur CDU-Fraktion beispielsweise Christian Goiny, 41, und Stefanie Bung, 28: Er engagiert sich laut Selbstauskunft ehrenamtlich in der Deutschen Kakteen Gesellschaft, sie nennt in ihrem Wahlflyer als wichtigstes Anliegen den „Schutz der Kleingärten“.

149 Abgeordnete bilden das neue Parlament, das sich im Oktober konstituieren wird: 53 von der SPD (21 neue), 37 von der CDU (20 Neue), je 23 von Grünen (zehn Neue) und der Linkspartei (zwei Neue) und 13 von der FDP. Hier ist Björn M. Jotzo das einzige neue Gesicht, das von Wahlplakaten so arglos herabblickte, wie es im wahren Leben unmöglich sein kann: Jotzo ist Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei, Schwerpunkt Baurecht.

Beruflich ist er damit nicht allein: Die Juristen sind eine sehr starke Gruppe im Parlament (SPD-Juristen u.a.: Klaus Wowereit, Thomas Keineidam, Annette Fugmann-Heesing, CDU-Juristen u.a. Uwe Lehmann-Brauns, Sascha Steuer, Michael Braun).

Lehrer finden sich bei allen Parteien, verhältnismäßig hoch ist ihr Anteil bei der Linkspartei/PDS. Dasselbe gilt für die Politikwissenschaftler. Bei der FDP ist dagegen der betriebs- und volkswirtschaftliche Ausbildungsgrad sehr hoch. Die Selbstständigen und Unternehmer sind mit zehn Vertretern im gesamten Parlament allerdings einigermaßen unterrepräsentiert. Die kleinste Minderheit stellen die Handwerker, von denen zwei in der CDU sind (der Mauer Kurt Wansner und der Elektroinstallateur Oliver Scholz) und einer bei den Linken: der Elektromechaniker Uwe Doering. Studenten wiederum finden sich in allen Fraktionen. Auch andere Stereotype sind geblieben: Bei den Grünen überwiegen die Frauen, bei der FDP die Männer, bei der CDU die Älteren, bei der SPD die Doppelnamen (Koch-Unterseher, Wildenhein-Lauterbach, Seidel-Kalmutzki, Dunger-Löper, Fugmann-Heesing).

Neu sind dagegen viele ausländisch klingende Namen, sie gehören vor allem türkischstämmigen Frauen. Zu ihnen gehören neben Evrim Baba (Linkspartei), Dilek Kolat und Ülker Radziwill (beide SPD) nun auch die grüne Journalistin Bilkay Öney und Canan Bayram (SPD). Den einzigen arabischstämmigen Abgeordneten stellt die SPD mit Raed Saleh. Er ist ein Neuzugang aus der Spandauer Altstadt, wo er Geschäftsführer von Burger King und dem Café Charlotte ist. Saleh sei im Kiez bekannt wie ein bunter Hund, sagen Freunde. Auch, weil er das Schnellrestaurant und das Café nutzt, um Menschen zusammenzubringen, die sich sonst selten an einen Tisch setzen: der Bankdirektor und den arbeitslosen Jugendlichen, die altberliner Großmutter und das Mädchen mit Kopftuch.

Gemeinsam ist vielen Parlamentariern eine langlebige Kiezverbundenheit. Das gilt für die geborene und gebliebene Wilmersdorferin Stefanie Bung wie für den Neuzugang der CDU, Robbin Juhnke. Der 39-Jährige wurde in Neukölln-Buckow geboren, ging dort zur Schule, kam dort zur Partei, lebt dort bis heute und joggt im Britzer Garten. Allein zum Studieren musste er Neukölln verlassen und bis zum „Doctor rerum politicarum“ zur Freien Universität. So beständig war der universitäre Ehrgeiz von Peter Schwenkow (CDU) nicht, dennoch dürfte der Studienabbrecher das Karriere-Schwergewicht des Parlaments sein: Schwenkow ist Vorstand des Musical-Konzerns DEAG Entertainment.

Die berühmteste Herkunft findet sich in denselben Fraktionsreihen, wo Peter Luther (Jahrgang 1942) künftig wieder sitzen wird, der von 1991 bis 1996 Gesundheitssenator in Berlin war und von Martin Luthers Bruder Jakob abstammt, weshalb er seine politischen Ziele auch als Thesen im Internet anschlägt. Von Beruf ist Luther Immunologe, ein Mediziner also, wie auch der linke Neuzugang Wolfgang Albers, der Chirurg ist.

Der älteste Abgeordnete ist CDU-Mann Uwe Lehmann-Brauns (Jahrgang 1938 – und damit künftiger Alterspräsident des Parlaments), die jüngste ist die Grüne Clara Herrmann: Geboren 1985 hat sie ihre Homepage mit einem Podcast, einem speziellen Mediadateiformat, bestückt, was für manche über 30 ein nicht mehr entschlüsselbares Fremdwort bleiben dürfte. Clara Herrmann ist eine linke Stürmerin, allerdings vorerst nur bezogen auf eins ihrer Hobbies: Fußballspielen (Team Metrostarlets). Weitere sportliche Aktivitäten: Reiten und Radfahren. Außerdem sei sie Ex-Raucherin und kaffeesüchtig. Altersmäßig in ihrer Nähe, wenn auch politisch ganz woanders liegen die Czaja-Brüder, die nun erstmals gemeinsam im Abgeordnetenhaus sitzen – für unterschiedliche Parteien. Während sich Mario Czaja (er wird am Donnerstag 31 Jahre alt) als CDU-Abgeordneter in Marzahn-Hellersdorf bereits als Politiker einen Namen gemacht hat, ist sein kleiner Bruder Sebastian (26) vor allem für eine Affäre mit einem offenherzigen Fotomodell bekannt. Das könnte er jetzt ändern: als liberaler Abgeordenter.

Auch innerhalb der PDS-Fraktion gibt es private Verbindungen: Aus der Familie von Harald Wolf sitzen dort Bruder Udo Wolf und Cousine Elke Breitenbach, die 16 Jahre lang die Freundin des Grünen Volker Ratzmann war. Als weiteres Ex-Paar finden sich in der linken Fraktion Kultursenator Thomas Flierl und Carola Bluhm. Diese Konstellationen sind indes nicht neu.

Anders geht es einer Verbindung aus der SPD: Dort ist an die Seite von Anja-Beate Hertel nunmehr Jörg Stroedter gerückt, Chef der Firma StroedterBau, in der Hertel angestellt ist. Ob sie Probleme fürchtet, wenn sie mal gegen ihren Chef stimmen muss? Das werde wohl kaum vorkommen, sagt Anja-Beate Hertel, denn sie würden schon seit zehn Jahren gemeinsam die „Strippen“ in der Reinickendorfer SPD ziehen. Dadurch, dass sie jetzt beide im Abgeordnetenhaus sitzen, werde vieles „bequemer“. Anfragen und Probleme könne man jetzt auch mal in der Firma erledigen, hofft Hertel. Da sie sich durch die gemeinsame Arbeit in der Firma und in der Partei oft sehen, seien sie mittlerweile „wie ein altes Ehepaar“. Aber verheiratet, das ist Anja-Beate Hertel wichtig klarzustellen, sei sie mit ihrem Ehemann, und keinesfalls mit Herrn Stroedter.

Grün sind sie sich aber alle.

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