Berlin : Fritz Bauszus (Geb. 1926)

Flugzeuge mochte er nicht. Und Frauen in Hosen waren suspekt.

Stephan Reisner

Seine Großeltern betrieben in Danzig ein Süßwarengeschäft. Da saß er oft staunend zwischen Pfefferminzbruch, Konfekt und Marzipan und lernte schon früh, zu zählen und etwas hübsch zu verpacken. Genascht hat er natürlich auch. Ein Prinzendasein.

Mit siebzehn in den Krieg: Westfront, Invasion, Tote, Verwundete, die Unschuld des Lebens an einem Tag dahin. Champagner auf der Flucht vor den Alliierten, weil es nichts anderes zu trinken gab. Unfreiwillig berauscht stolperte er zurück in Richtung Aachen. Aber der Krieg war noch nicht ganz verloren, deshalb schickte man ihn gleich weiter auf den Balkan: Skijäger im Partisanenkrieg. Er, der so gerne auf Menschen zuging, wusste nie, ob er in den entlegenen Bergdörfern einem Freund oder einem Feind gegenüberstand.

In Kriegsgefangenschaft kochte er Schildkröten, erkrankte an Malaria und lernte einen selbstlosen Arzt kennen. Endlich wieder ein Stück Menschlichkeit. Die Schrecken des Krieges vergaß er nie, aber auch nicht das Glück, den Wahnsinn überlebt zu haben. Er war der Einzige aus seinem Zug, der überlebt hatte.

Er wurde Beamter, zuerst beim Grundstücksamt, später beim Rechnungshof. In formalen Dingen stets akribisch genau, gehörte seine große Leidenschaft doch der Natur. Nach Dienstschluss verwandelte sich der Oberrechnungsrat in einen passionierten Kunsthandwerker, Aquarellisten, Gärtner, und Naturfotografen.

Es gab niemanden, der einen Koffer besser packen konnte als er, sagt die Tochter: auf der einen Seite ein riesiger amorpher Stoffhaufen, auf der anderen die rechtwinkelige Hohlform – eine halbe Stunde später war nur noch der Koffer da, bis auf den kleinsten Zwischenraum gefüllt.

Erstaunlich war sein handwerkliches Feingefühl angesichts seiner kräftigen Hände. Die winzigsten Dinge handhabte, reparierte und fertigte er virtuos. Wie jenen Adventskranz im Bonsaiformat, den er dem Vater ins Krankenhaus brachte. Fritz Bauszus konnte einen Garten bestellen, eine Laubsäge führen und Radieschen in winzige Röschen verwandeln. Aber seltsamerweise konnte er nicht Auto fahren. Überhaupt waren ihm die Beschleunigungen und Moden des modernen Lebens eher suspekt. Flugzeuge mochte er nicht. Und Frauen in Hosen? Das kam ihm noch weit in den Siebzigern befremdlich vor.

Als seine Frau beschloss, das Abitur nachzumachen und ein Lehramtsstudium aufzunehmen, wollte er aber doch wissen, welcher Geist hinter solchen Ansinnen stand. Er vertiefte sich in die Fachliteratur – und fand zu seinem Verdruss niemanden in der Familie, der mit ihm die Kernthesen des Feminismus diskutieren mochte. Mit seiner Frühpensionierung Anfang der Achtziger kehrten sich die Geschlechterrollen dann wie von selbst um. Seine Frau verließ nun morgens das Haus und überließ ihn seinen handwerklichen Abenteuern.

Mag sein, dass er manchmal nur seine Sicht auf die Dinge gelten ließ. Aber, so erzählt die Tochter, mit seinem Optimismus konnte er anderen in schwierigen Situationen immer wieder beistehen. Zum Beispiel am 11. September 2001, einen Tag vor seinem 75. Geburtstag. Seine Enkelin befand sich als Austauschschülerin in New York und wohnte nicht weit vom World Trade Center. „Wird schon nichts passiert sein!“, beruhigte er seine Tochter und reichte ihr eines seiner Stofftaschentücher. Das hatte er immer so gemacht, sie hatte die Taschentücher immer behalten. Die Enkelin blieb unversehrt. Und noch jetzt, nach seinem Tod, liegt eine große Kollektion seiner Stofftaschentücher in ihren Schubladen. Stephan Reisner

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