Berlin : Fritz Behrendt (Geb. 1925)

De Gaulle, Franco und Strauß – er hat sie alle beleidigt.

Bernd Matthies

Ein serbischer Panzer. Der Soldat ganz oben richtet die Kanone auf einen verängstigten kleinen Blauhelm aus Holland. Über der Szene schwebt ein Papierflieger mit dem Zeichen „UN“: Macht und Ohnmacht. Fritz Behrendt hat diesen Cartoon über das Massaker von Srebrenica gezeichnet, nicht mehr mit dem Ingrimm des jungen linken Weltverbesserers, der er einmal war, sondern mit der Altersweisheit eines Mannes, der alles schon gesehen und alles zeichnerisch auf die Substanz zugespitzt hat.

Fritz Behrendt war gebürtiger Berliner, eingebürgerter Holländer, Kommunist, Titoist, Skeptiker. Seine Zeichnungen, nachdenklich, sarkastisch, auch lustvoll boshaft, selten ironisch, machten keine Witze, sie zeigten Politiker nicht als Frösche oder Bären, sondern immer nur als getriebene und treibende Menschen, als Opfer und Täter. Diese Bilder spiegelten in ihrer Reduziertheit die Erfahrungen eines Lebens, das zunächst durch die Tiefen des Jahrhunderts geführt hatte. 1925 in Berlin, Kantstraße geboren, 1937 mit den jüdischen Eltern nach Holland emigriert – ein Jahr vorher hatte er seine erste Karikatur gezeichnet, Hitlers Grimassieren bei einer Parade am Rande der Olympischen Spiele.

Auf der Amsterdamer Kunstgewerbeschule lernte er das Handwerk, er schloss sich dem holländischen Widerstand an, wurde von der SS gefasst und in die Todeszelle gesteckt, befreit. Er gründete 1945 den linken holländischen Jugendverband, unterstützte ab 1947 den Wiederaufbau Jugoslawiens als Kommandant einer internationalen Jugendbrigade. 1949 drängte ihn Erich Honecker, damals FDJ-Chef, nach Berlin zu kommen und „Referent für Sichtwerbung“ beim Zentralrat zu werden, Orden und Abzeichen zu entwerfen. Doch wenig später fiel Tito in Ungnade, und Behrendt als „Titoist“ mit ihm. Die Folge war Einzelhaft, als einer der ersten politischen Gefangenen der DDR.

Seiner Frau Renate hat er später erzählt, wie es kam, dass er nicht ins Gulag nach Sibiren transportiert und dort vergessen wurde: Es gab in der Haft einen Mitgefangenen ein Stockwerk höher, mit dem Behrendt, erfahren in Knastkommunikation, Kontakt aufnahm: auf Serbokroatisch. Die Nachricht seiner Inhaftierung erreichte so seine Familie, von dort die holländische Botschaft. Holland intervenierte zugunsten des noch Staatenlosen, Behrendt kam frei und emigrierte sofort nach Amsterdam, die Stadt, in der er seine restlichen 58 Lebensjahre verbringen sollte.

Jedenfalls grundsätzlich. Denn als ehrgeiziger, weltgewandter Grafiker und Zeichner blieb er ständig in Bewegung, suchte neue Kunden, reiste herum. Zum Beispiel nach Hamburg, wo das Abendblatt seine Karikaturen kaufte, oder nach West-Berlin, wo er für den Telegraf – und später auch den Tagesspiegel – arbeitete. Hier lernte er, 29 Jahre alt, im Jahr 1954 die 18-jährige Renate kennen. „Er konnte ungeheuer gut erzählen“, erinnert sie sich, „und das hat er bis an sein Lebensende getan“. 1958 heirateten sie, Renate gab ihre Berliner Grafikerausbildung auf und wurde in Amsterdam heimisch.

Behrendt nannte sich einen Sozialisten, verabscheute aber die dogmatischen Positionen und ging mit offenem Blick durch die Welt, antitotalitär, humanistisch, manchmal agitatorisch, mit gutem Gespür für Ungerechtigkeit und Lüge. Da er zudem stets gut informiert und schnell beim Zeichnen war, war er schon in den fünfziger Jahren ein gefragter Mann bei Tageszeitungen des gesamten demokratischen Spektrums. Dass ein von ihm 1949 gezeichneter Entwurf Jahre später Grundlage des DDR-Staatswappens wurde, wird er kaum als Rehabilitation, sondern allenfalls als Ironie der Geschichte empfunden haben.

Die Liste seiner Auftraggeber im Westen wurde jedenfalls lang und länger, De Telegraaf und Allgemeen Handelsblad in Amsterdam, Berlingske Tidende in Kopenhagen, Weltwoche in Zürich, FAZ und Tagesspiegel, schließlich Los Angeles Times und New York Times. „Einen der großen politischen Karikaturisten“ nannte ihn die Herald Tribune, zahllose Auszeichnungen vom United Nations Political Cartoon Award über den Preis der Gothaer Karikade bis zum Großen Bundesverdienstkreuz bestätigten diesen Ruf.

Selbst das niederländische Königshaus machte seinen Frieden mit Behrendt und erhob ihn zum Ritter des Ordens von Oranien-Nassau; lange vorher hatte Königin Wilhelmina das Allgemeen Handelsblad abbestellt, empört über eine Karikatur Behrendts, der Chruschtschows Wandlung vom Kriegsteufel in einen Friedensengel und zurück in sechs Bildern dargestellt hatte – sie fand den Engel blasphemisch. Wie es sich für einen guten Karikaturisten gehört, hatte Behrendt einige hochrangige Feinde: De Gaulle, Franco und Strauß fühlten sich beleidigt und ließen protestieren, Indonesien und China verkündeten ihren Unmut. In all diesen internationalen Wirren verlor Behrendt nie den Kontakt zu seiner Heimatstadt. Als dort die Mauer fiel, war er am nächsten Tag in der Stadt und saugte Bilder und Stimmungen für seine Arbeit auf. Zwölf Jahre später ehrte ihn Berlin mit einer großen Ausstellung in der Nikolaikirche.

Behrendts letzte Zeichnung, angefertigt am Morgen seines plötzlichen Todes, setzte den Nikolaus in Beziehung zu Barack Obama. Es wurde eine Art Abschiedsgeschenk an seine Frau, einen Tag vor der Goldenen Hochzeit. Bernd Matthies

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