Berlin : Fritz Lang: Der Regisseur ist vom Mordverdacht freigesprochen

Andreas Conrad

"An jenem Tag lagen sie gerade in voller Aktion auf dem Sofa, als L. nach Hause kam, früher als geplant. L. war seine Frau. L. war eine wunderbare Frau. Der Rest glich einem klassischen Melodrama. Schreie, Streit, Browning, Schuss und Tod von L. Selbstmord durch Unfall. Die Polizei hatte ihn verhört. Er war noch einmal davongekommen." Er: Fritz Lang.

Eine, nun, sagen wir, fantasievoll skizzierte Szene. Die französische Filmjournalistin Agnes Michaux erklärt sie in ihrem unlängst in deutscher Übersetzung erschienenen Buch über "Fritz Langs Abschied von Berlin" sogar zum "Eckpfeiler des Bauwerks, Motor seines ganzen Lebens. Ihm verdankte er alle grundsätzlichen Themen seiner Arbeit. Ihm verdankte er diese Alibi-Neurose." Ihr eigenes Bauwerk freilich, sicherheitshalber zum "Roman" erklärt, ruht nur auf tönernen Eckpfeilern. Viel mehr als Gerüchte, jahrzehntelang weitergetragenen Kollegenklatsch, der sich schließlich zur Legende verfestigte, standen ihr für die vermeintliche, später noch weiter ausgeschmückte Schlüsselszene nicht zur Verfügung. Immerhin hatte sie, ohne über Beweise zu verfügen, das Todesjahr korrekt genannt: 1920.

Ähnliche Mutmaßungen über die erste Frau des Regisseurs hatte bereits der amerikanische Autor Patrick McGilligan in seiner Biografie "Fritz Lang. The Nature of theBeast" angestellt. Vermutlich kennt die Französin dessen 1997 erschienenes Werk, das unter Cineasten einiges Aufsehen erregte. Auch McGilligan interpretiert den mysteriösen Todesfall als Kernszene, schließt sogar einen Mord durch den Ehemann nicht aus. In den Fußnoten muss er jedoch eingestehen, den Tod von Langs erster Frau Lisa Rosenthal nur "aus zahlreichen Quellen zweiter und sogar dritter Hand" rekonstruiert zu haben. Als Todesjahr tippt er auf 1921, doch "wie der Text klarmacht, gibt es keinen positiven Beweis des Todes, der Ehe mit Fritz Lang oder überhaupt der Existenz der ersten Frau des Regisseurs."

Dennoch, es blieb ein dunkler Punkt in dem ohnehin legendenreichen Leben des Regisseurs, ähnlich der von ihm selbst verbreiteten Geschichte seines Treffens mit Propagandaminister Joseph Goebbels im Frühjahr 1933, der ihm die Leitung des deutschen Films angetragen habe. Noch am selben Tag sei er nach Paris ins Exil gegangen, so die auch von Agnes Michaux unkritisch repetierte Lang-Version, für die es keinen Zeugen gibt als ihn selbst. Mit Verweis auf die Eintragungen im Reisepass des Regisseurs zweifelte man sie schon früher an - und nun erneut in der umfangreichen Monografie, die von der Deutschen Kinemathek zur kürzlich eröffneten Lang-Ausstellung im Filmmuseum und zur Retrospektive während der kommenden Berlinale vorgelegt wurde.

Die Recherche habe mitunter kriminalistischer Spürarbeit geglichen, berichten die beiden Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen und Rolf Aurich. Mancher Zufall kam dabei zu Hilfe. So erwies es sich als wahrer Glückstreffer, auch einmal beim American Film Institute in Los Angeles nach möglichen Lang-Materialien zu fragen. Es fanden sich mehrere tausend Blatt persönlicher Korrespondenz, ein bis dahin völlig unerschlossener Schatz. Handwerker hatten die Unterlagen in einem Badezimmerschrank von Langs ehemaligem Haus in L. A. gefunden, lange nachdem dessen Witwe, seine dritte Ehefrau Lily Latté, gestorben war.

Im Fall seiner ersten Frau aber wurden die Lang-Forscher überraschend doch in Berlin fündig. Wie andere Filmhistoriker vor ihnen hatten sie zunächst die naheliegenden Quellen sondiert, Melderegister, Polizeiarchive, Zeitungen und dergleichen. Und stets hieß es auch bei ihnen nur: Fehlanzeige.

Bis man auf die Idee kam, es beim Centrum Judaicum zu versuchen. Schließlich wurde für die Gesuchte in den Sekundärquellen immer der Mädchenname Rosenthal genannt, das legte eine jüdische Herkunft nahe. Diesmal wurde die Detektivarbeit belohnt. Innerhalb weniger Stunden konnte das Centrum gleich mit drei Dokumenten dienen: der Beerdigungsanmeldung für den Friedhof Weißensee, dem vom Amtsgericht Charlottenburg ausgestellten Beerdigungsschein und einer Bestätigung der polizeilichen Anmeldung der Beerdigung, ausgestellt von der Kriminalpolizei mit dem Stempel "Königl. Polizei-Präsidium Berlin-Schöneberg".

Es hat Fritz Langs erste Frau, über die er sein Leben lang Stillschweigen bewahrte, also tatsächlich gegeben: Elisabeth Lang, geb. Rosenthal, am 7. August 1894 in Wilna geboren, am 25. September 1920, 19 Uhr, in der Tharandter Straße 1 in Wilmersdorf zu Tode gekommen. In dem Haus, laut Bezirksamt 1956 abgerissen, befand sich die gemeinsame Wohnung, über den Zeitpunkt der Eheschließung ist nichts bekannt.

"Brustschuß, Unglücksfall", hatte der den Fall aufnehmende Arzt protokolliert; "infolge Unglücksfalles verstorben", bescheinigte auch die Kriminalpolizei. Es dürfte also eine polizeiliche Untersuchung gegeben haben, selbst wenn sich keine entsprechenden Protokolle mehr finden lassen. Mord wird man ausschließen können. "Wenn es Anhaltspunkte für einen Mord gegeben hätte, wären die Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft zur Verfolgung der Straftat verpflichtet gewesen", heißt es in der neuen Lang-Monografie des Filmmuseums. Alle den Regisseur verdächtigende Äußerungen der sich ohnehin widersprechenden Zeitzeugen seien "pure Mutmaßungen".

Auch ein Selbstmord ist eher auszuschließen. Ein Brustschuss gilt hier schon wegen der schwierigen Handstellung als ungewöhnlich, auch hätte der Arzt eine entsprechende Vermutung sicher notiert. Bleibt der "Unglücksfall": Die Formulierung, so heißt es im Buch weiter, könne darauf hindeuten, "dass es in der Wohnung zu einem Handgemenge gekommen ist, in dessen Verlauf eine Person eine andere, die im Begriffe war, aus Emotion eine Tat zu begehen, vom Schießen abhalten wollte, sich dann aus der Waffe aber ein tödlicher Schuss gelöst hat." Ein Indizienbeweis, nicht mehr, nicht weniger.

Keinen Hinweis gibt es darauf, dass auch die Drehbuchautorin Thea von Harbou, Fritz Langs zweite Frau, in den Todesfall verwickelt war. Wahrscheinlich hatten die beiden schon damals ein Verhältnis, ob sie aber von Elisabeth in flagranti erwischt wurden, bleibt reine Spekulation.

Ins Reich der Fantasie schließlich gehört die Unterstellung, der Fall sei durch einflussreiche Freunde wie Erich Pommer niedergeschlagen worden. Auch Agnes Michaux hat sich in ihrem Roman ausgemalt, der Produzent sei zum Tatort geeilt, um seine Hilfe anzubieten. Als Adressse nennt sie allerdings Hohenzollerndamm 52, Langs spätere Wohnung, während Pommer, so ergaben die Recherchen der Filmdetektive, am 29. September 1920 ohnehin geschäftlich in Amsterdam war. Überraschend schließlich die Currywurst, die die Romanautorin ihren Fritz Lang kurz vor seiner Abreise auf dem Anhalter Bahnhof verzehren läßt. Diese Berliner Spezialität wurde erst 1949 erfunden.

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