Berlin : Fritz Roeder

Anselm Neft

Weißer Bart, rote Weste, Brille mit Silberrand, so kannten ihn die Gäste der „Moorlake“. Zur Gastwirtschaft an der Havel war es ein weiter Weg.

Berlin-Mitte, zwanziger Jahre. Der Vater war mit seiner Fabrik in Konkurs gegangen und hielt die Familie nur noch knapp über Wasser. Fritz entdeckte früh die Gegenwelt, den Geist. Viele Nachmittage saß er in der Bibliothek und las, was die Bibliothekarin ihm hingelegt hatte. Eine Leidenschaft, die wie aus dem Nichts kam und ein Leben lang blieb.

Nach der kaufmännischen Lehre musste Fritz zum Reichsarbeitsdienst, zog gen Russland und hatte schnell die Schnauze voll. Nach „unerlaubter Entfernung von der Truppe“, genoss er die Steppe zwischen Don und Dnjepr und die Kosakendörfer, von denen er als Kind gelesen hatte. Nach Wochen kehrte er zur Truppe zurück, und entkam nur knapp der Hinrichtung. Kaum auf freiem Fuß, schüttelte ihn die Malaria. Im Lazarett, zwischen Bandagierten und Amputierten, nahm man den Fieberkranken kaum ernst, schickte ihn aber schließlich doch weiter nach Warschau. Einer Intuition folgend stieg Fritz in den Zug nach Metz. So geriet er statt nach Stalingrad in den Rückzug aus Frankreich und schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Obwohl er noch nie einen Kochlöffel gehalten hatte, meldete er sich zum Küchendienst, wo er zum Chef avancierte. Wer in der Küche arbeitete, verhungerte nicht.

Die Nachkriegsjahre waren für Fritz wider Erwarten golden. Er war „freier Kaufmann“ und so erfolgreich, dass es ihm und seinen Eltern an nichts mangelte. Fritz sah Boxkämpfe, ging ins Theater und entdeckte seine Leidenschaft für Blues, Swing und Jazz. Als er auf dem Geburtstag eines Freundes die kluge und schöne Vera kennenlernte, wusste Fritz gleich: die oder keine. Vera sah das weniger eindeutig und prüfte ihren stürmischen Verehrer gründlich. Die Hochzeit wurde mit Frack, Hochzeitskleid und Kutsche in aller Pracht gefeiert. Viele standen auf der Straße und jubelten dem Paar zu. Fritz und seine Braut waren keine Unbekannten im Viertel.

Als es nach der Währungsreform bergauf ging, ging es mit Fritzens Geschäften bergab. Er schlug sich durch als Kellner, Portier und Verkaufsfahrer, zog mit Vera in den Westen und wurde Vater. Es dauerte Jahre bis Fritz feste Arbeit fand. Das Angestelltendasein hielt er allerdings nicht lange aus. Bald schon betrieb er eine kleine Baukantine in der Beusselstraße. Vera kochte in Wilmersdorf Eintöpfe, und Fritz fuhr die Kessel mit seinem weinroten R16 zum Imbiss. Der Bude folgten andere, bis Fritz Ende der Sechziger das Casino im Schillertheater übernahm. Gastronomie und Kultur: Endlich liefen die Leidenschaften zusammen. Fritz liebte es, mit Schauspielern zu plaudern, Stücke zu sehen und Leuten wie Martin Held oder Carl Raddatz einen guten Appetit zu wünschen. Auch gefiel er sich in der väterlichen Rolle: Junge Schauspieler ließ er anschreiben und fand tröstende Worte gegen Lampenfieber. Aber auch hier hielt es Fritz nicht ewig.

1981. Sohn Matthias verdingte sich als Regieassistent am Staatstheater Stuttgart, als Fritz anrief: „Ich brauch dich hier, wir machen ’n großen Laden auf.“

Die „Moorlake“ hatte zwei Jahre brachgelegen, Ruf und Haus waren heruntergewirtschaftet. Fritz, Matthias und Vera schufen ein neues Idyll: holzgetäfelte Wände, Wandlampen im Stil des flämischen Barock, ein grüner Kachelofen. Fritz war der Impressario, Matthias zeigte die Sorgfalt fürs kaufmännische Detail.

In den Jahren vor dem Mauerfall fand sich kaum gutes Personal, dafür strömten die Gäste nur so herbei. In den Jahren danach wurde es leichter, Mitarbeiter zu finden, aber die Ansprüche der Kundschaft wuchsen auch. Mitte der Neunziger riefen Vater und Sohn eine bis heute bestehende Reihe ins Leben: Schauspieler lesen Tucholsky oder Zuckmayer oder Erbauliches jüngeren Datums, dazu gibt es Kalbsleber Berliner Art oder Zander frisch aus der Havel. Gastronomie und Kultur – wieder war alles zusammen.

Am 31. Dezember freute sich Fritz auf das Silvesterfest mit Frau, Sohn, Schwiegertochter und seinen beiden Enkelkindern. Er fühlte sich fit, fürchtete aber nichts so sehr, wie hinfällig und in seinen Möglichkeiten begrenzt zu werden. Vorm Auto brach er zusammen und stand nie wieder auf.

Ein Jahr zuvor hatten Vater und Sohn eine Wanderung durch das alte Berlin gemacht und übers Leben gesprochen. Fritzens Resümee: „Junge, ick bin zurechtjekomm’.“ Anselm Neft

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