Berlin : Frohes Schaukeln mit der Hundertjährigen

Jörg-Peter Rau

Wenn sogar der Himmel U-Bahn-Blau trägt, soll rein gar nichts die Feierlaune trüben. Kritische Worte sind am 100. Geburtstag der U-Bahn Mangelware. Kein Wort über die von der BVG als Bedrohung betrachtete mögliche Fusion mit der S-Bahn, keine deutliche Forderung, der Senat möge den Baustopp für die U 5 doch noch aufheben, keine Silbe über vergammelte Bahnhöfe. Statt dessen: Blasmusik und eine Neuauflage der historischen "Ministerfahrt" vom 15. Februar 1902. Dieses Mal mit Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD), der sich auch gleich als Freund der U-Bahn zu erkennen gibt: "Es gibt keine bessere Möglichkeit, Berlin kennen zu lernen als durch die U-Bahn", sagt er am Bahnhof Warschauer Straße. Er selbst nehme aber meist den Dienstwagen, weil es schnell gehen müsse.

Als Kulisse dient der historische Zug aus den 20er Jahren, der bei den Gästen Begeisterung weckt. Harmonie ist angesagt. Auf die Frage, ob der Bund denn nun Zuschüsse für die U 5-Verlängerung zurückzufordern gedenke, sagt Verkehrsminister Bodewig, man befinde sich "in kollegialen Gesprächen mit dem Berliner Senat." Und der Regierende Klaus Wowereit (SPD) kündigt an, dass die Fahrpreiserhöhungen um zwei bis drei Prozent im Jahr kein Automatismus sein müssten: Wenn mehr Fahrgäste höhere Einnahmen bringen und die BVG noch schlanker werde, könne man durchaus auch mal auf die Erhöhung verzichten. Ob jemand bemerkt, dass Vertreter der U-Bahnen in Bukarest, Moskau und Paris begrüßt werden, aber niemand vom Verkehrsverbund-Partner S-Bahn? Bei all der guten Laune stört es auch niemand, dass Wowereit jene "Zugabfertiger" besonders heraushebt, die die BVG längst wegrationalisiert hat. Gestern wollte man eben nur eines: feiern.

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