Frohnau : Plötzlich fehlt Eddie

Mehr als zwei Jahrzehnte hat er immer an derselben Bushaltestelle gesessen, tagaus, tagein. Jetzt ist der Obdachlose Eddie in Frohnau gestorben und viele Frohnauer vermissen ihn.

David Ensikat
Eddie
Eddies Bank. Zwei Damen begutachten die Gedenkstätte für den Obdachlosen Eddie. -Foto: Kleist-Heinrich

Lange hat er hier gesessen, 20 Jahre, vielleicht 30. In Frohnau vorm Reichelt, an der Bushaltestelle, immer hier, jeden Tag. Die Frohnauer haben sich an ihn gewöhnt. "Ach, der ist tot?", fragt ungläubig eine Frau mit weißem Haar und rollbarer Einkaufstasche, als könne einer, der immer da war, gar nicht sterben.

Auf der Haltestellenbank stehen Grablichter und Blumen, quer über den Berlinplan hat jemand geschrieben: "Eddie R.I.P." Rest in Peace - in Frieden soll er ruhen. Oberflächlich betrachtet, hat er auch in Frieden leben können, die letzten 20, 30 Jahre. Er saß an seiner Haltestelle, die hat ihm niemand streitig gemacht, er verabreichte sich "St. Hubertustropfen", 4 x 20 ml für 99 Cent, 35 % Vol.

Seit er bei Reichelt Hausverbot hatte, kauften ihm andere das Zeug. Solange er geradeaus sehen konnte, war er freundlich zu den Leuten, danach war er still. Viele Leute waren freundlich zu ihm. Davon lebte er, denn er war außerstande, regelmäßig sein Geld vom Amt zu holen. Sie steckten ihm Geld und Essbares zu, sie sagten: "Mensch Eddie, trink nicht so viel." Oder: "Fürs Geld kaufste dir aber keinen Schnaps, nein?" Eine Frau, ehemals Krankenschwester, überredete ihn hin und wieder, sich zu waschen, mal am Brunnen, mal nahm sie ihn zu sich nach Hause. Zur Belohnung gab es "St. Hubertustropfen".

Ein Passant am Wartehäuschen fragt: "Wird das jetzt eine Frohnauer Gedenkstätte oder was? Für so einen?" Eine Dame mit getöntem Haar, wie beinahe alle hier schon etwas älter, antwortet heftig: "Ja und? Ist doch wunderbar, dass die Leute so was für eine arme Seele tun. Sie sollten sich was schämen!" Dann schweigen beide, dann wieder sie: "Wie schnell das manchmal gehen kann, dass man in so eine Situation gerät. Also wirklich!"

Fast jeder hier vorm Reichelt würde sagen, er habe Eddie irgendwie gekannt, der war ja nett; wenn er noch nicht hinüber war, konnte man mit ihm reden. Dass er Edmund Herrmann hieß, weiß kaum jemand. Die Angaben über sein Alter differieren. War er 48? So welche sehen ja viel älter aus, als sie tatsächlich sind. Oder doch schon 59? '51 geboren, sagt einer, der ihn schon als Kind gekannt hat und froh ist, selbst vom Alkohol weg zu sein. Oder '52. "Ach, ist doch egal", sagt er, "Eddie war jut, irgendwie. Und der war immer da.

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