Berlin : Frühchen-Versorgung: Berliner Konzept gescheitert

Der Senat hatte besonders strenge Richtlinien für die Behandlung festgelegt. Vier Kliniken haben dagegen erfolgreich geklagt

Ingo Bach
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Für die Kleinsten nur das Beste. Lediglich zwei Kliniken sollten sich nach dem Willen des Senats um Frühchen kümmern dürfen. Foto:...

Babys, die bei der Geburt weniger als die Hälfte oder gar nur ein Drittel eines gesunden Neugeborenen wiegen, hatten vor 25 Jahren kaum eine Überlebenschance. Doch der medizinische Fortschritt macht es möglich, dass solche Kinder, wie die jüngst in der Charité geborenen Sechslinge, von denen jedes bei der Geburt nur zwischen 800 und 900 Gramm auf die Waage brachten, gesund nach Hause entlassen werden können. Allerdings stellen solche Babys an Personal und Technik auch extreme Anforderungen. Deshalb wollte der Senat die Versorgung dieser Patienten in zwei hochspezialisierten Kliniken konzentrieren – und ist damit gescheitert. In Berlin dürfen nun sechs Krankenhäuser Kinder, die mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm auf die Welt gekommen sind, betreuen. Darauf einigte sich das Land, wie jetzt bekannt wurde, bereits im Dezember in einem außergerichtlichen Vergleich mit vier gegen den Senatsbeschluss klagenden Krankenhäuser.

Damit sind die strengeren Vorgaben der Landesregierung teilweise wieder vom Tisch. Dazu gehörte zum Beispiel, dass jedes dieser sogenannten Perinatalzentren pro Jahr mindestens 50 der Extrem-Frühchen versorgen sollte, weil Erfahrung beim Personal eine höhere Behandlungsqualität gewährleiste. Außerdem sollte es an diesen Zentren eine kinderchirurgische Abteilung geben. Das ging weit über die Auflagen hinaus, die im übrigen Bundesgebiet gelten. Derzeit gibt es in Berlin nur zwei Zentren, die die strengenVorschriften erfüllen: die Charité in Mitte samt Virchow-Klinikum und das Vivantes-Klinikum Neukölln. Vier Krankenhäuser hatten gegen diesen Ausschluss von der Versorgung geklagt: das Helios-Klinikum Buch, das Sana-Klinikum Lichtenberg, das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau und das St.- Joseph-Krankenhaus in Tempelhof.

Krankenkassen befürchten nun, dass sich die Versorgungssituation für die rund 400 Hochrisiko-Frühchen, die hier jährlich zur Welt kommen, verschlechtern könnte. Zum Beispiel, wenn das Neugeborene dringend operiert werden muss. Es könne nun sein, dass das Kind mit einem Rettungswagen erst zu einem weit entfernten Kinderchirurgen transportiert werden müsse, so Kassenvertreter. Dem widerspricht die Senatsgesundheitsverwaltung: Eine Absenkung der Qualität werde es nicht geben, sagt Behördensprecherin Regina Kneiding. Auf Initiative Berlins werde der Gemeinsame Bundesausschuss, die Selbstverwaltung des deutschen Gesundheitswesens, die Standards verschärfen.

Dass das bisher hohe Berliner Niveau erhalten bleibe, versichert auch Frank Jochum, Chefarzt der Geburtsmedizin am Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau, das gegen das Senatskonzept geklagt hatte. Studien zeigten, dass die Qualifikation des Personals und die technische Ausstattung einer Frühchenstation einen viel größeren Einfluss auf den Erfolg der Behandlung haben als die Anzahl der dort versorgten Frühgeborenen. „Allerdings unter einer bestimmten Grenze sollte die Fallzahl nicht liegen, damit das Personal nicht aus der Übung kommt“, sagt Jochum. Mindestens eines der extrem früh Geborenen sollte ständig auf so einer Station zu versorgen sein. „Wenn man von einer durchschnittlichen Verweildauer dieser Kinder im Krankenhaus von 16 Wochen ausgeht und davon, dass diese nicht immer nur streng hintereinander kommen, muss man von mindestens zwölf Frühgeborenen pro Jahr ausgehen, um dies zu erreichen.“ Eine Untergrenze von 50, wie damals im Berliner Perinatalkonzept gefordert, aber sei viel zu hoch. Das Waldkrankenhaus Spandau versorge jährlich rund 30 dieser extrem unreifen Babys.

Das Vorhandensein einer Kinderchirurgie sei ebenfalls kein geeignetes Ausschlusskriterium, sagt Jochum. „Nur sehr selten benötigen Frühchen solch eine spezialisierte Versorgung. Wenn dies mal nötig sein sollte, dann kommt ein Arzt einer mit uns kooperierenden Kinderchirurgischen Klinik innerhalb kürzester Zeit direkt in unser Haus.“

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