Berlin : Früher war alles dufte

Die Gropiusstadt ist alt geworden: Die Siedlung feiert heute ihren 40. Geburtstag. Mehr als die Hälfte der Bewohner ist über fünfzig

Thomas Loy

Die Kinder von Gropiusstadt laufen nicht mehr mit Kochlöffeln herum, damit sie an die Fahrstuhlknöpfe kommen. Das hat sich geändert. Dann aber diese Szene: Sascha, drei Jahre alt, lässt freudetrunken einen Schwall Herbstlaub auf sich herabregnen. Dabei übersieht er die sich nähernde hausmeisterliche Obrigkeit in Jeans und Holzfällerhemd. „Wat soll’n dette?“ So kannte schon Christiane F. vor 30 Jahren ihre Hauswarte. Immer auf der Hut vor den kleinen Regelverletzern und Zweckentfremdern. Aber Christiane F. ist lange her. Im „Haus der Mitte“, wo sie ihren ersten Joint rauchte, sitzen heute junge Aussiedler aus Russland und spielen „Counterstrike“. Auch sie kamen aus Dörfern in diese Landschaft aus Betonriesen. Viele behaupteten sich, einige stürzten ab. Hat sich was geändert? Gropiusstadt wird heute 40 Jahre alt.

Am 7. November 1962 standen Willy Brandt und Walter Gropius in einer Baugrube und hämmerten sanft auf die erste Mauer ein. Das größte Wohnungsbauprojekt Europas nahm seinen Lauf und noch bevor die 17 000 Wohneinheiten richtig fertig waren, formierten sich bereits die Kritiker zum Gegenschlag. „Der Spiegel“ schrieb 1967 von einer „trostlosen Schlafstadt“ für unterschiedliche Einkommensklassen, „vom Bungalow-Areal für hochmögende Angestellte bis zum Mietblock für Asoziale und Polizisten“.

Mit etwas Verspätung stellten sich die prognostizierten Probleme einer anonymen Trabantenstadt tatsächlich ein. Verwahrlosende Kinder, vandalierende Jugendliche, Drogenkonsum, Vereinsamung, Kleinkriminalität. Nach der recht flotten Fertigstellung der 20-Stöcker war der Ausbau der sozialen Infrastruktur nur sehr schleppend vorangekommen. 1971 stand das evangelische Haus der Mitte noch allein auf weiter Flur. Heute gibt es mehr Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Jugendklubs und Einkaufsmöglichkeiten als in den umliegenden Vierteln. Trotz der Defizite waren anfangs viele junge Familien überglücklich, in der neuen Stadt eine komfortable Wohnung mit grüner Umgebung und U-Bahnanschluss gefunden zu haben. Gropiusstadt war eine junge Stadt – heute ist sie alt geworden. Mehr als 50 Prozent der Einwohner sind älter als 50 Jahre.

Fragen wir also die Senioren. Im „Gemeinschaftshaus“ spielen die Herren Karten, die Damen unterhalten sich – gerne auch mit einem jungen Mann von der Zeitung.

Grundsätzlich sei vieles in Ordnung, aber man könne sich eben nicht mehr auf die Straße trauen, nachts. Besonders an U-Bahnhöfen lauerten verdächtige Gestalten.

Draußen – es wird schon dunkel – treffen wir auf einen Pinscher an der Leine von Klaus Brandt, 74 Jahre alt, seit 15 Jahren Gropiusstädter. Soweit alles in Ordnung, sagt er, nur die vielen betrunkenen Ausländer stören ihn. Nichts gegen Ausländer, aber gegen besoffene schon. Dann die vielen Penner… „Früher war alles dufte, ganz prima, nette Leute, deutsche Leute – nichts gegen Ausländer.“ Herr Brandt wäre schon lange in Österreich, wäre da nicht das Asthma seiner Frau.

Die offizielle Geschichtsschreibung spricht über Gropiusstadts jüngste Entwicklung positiver. Nach einer krisenhaften Zuspitzung der Lage bis 1997 hätten sich die Wohnungsbaugesellschaften, Kirchengemeinden und Vereine zusammengesetzt und eine Fülle von Projekten gestartet, erklärt das Kulturamt Neukölln. „Gropiusstadt 2000 – die zweite Chance“, nannte sich das. Es wurde das Ziel formuliert, den Bewohnern eine Gropiusstadt-Identität einzupflanzen. Da gab es zum Beispiel den Abend des „Grünen Hochhauses“ im Sommer 2001. Werner Krüger aus der 13. Etage des Gehag-Hauses an der Lipschitzallee erinnert sich noch gut daran. Jeder Mieter bekam grüne Energiesparlampen geschenkt, die um 21 Uhr anzuschalten waren. Dann wurde gefeiert. Fand er gut, die Idee.

Herr Krüger wohnt seit 1989 hier, seine Frau noch länger. Früher, erzählt sie, habe sie weiter oben im 17. Stock schön über die Mauer auf die Grenzposten mit den Hunden schauen können.

Die Mauer? Christiane F.? Evi Lingott vom Haus der Mitte bittet, nicht mehr mit diesen alten Geschichten zu kommen. Gropiusstadt sei nicht nur gut oder nur schlecht, sondern vor allem verschieden. Da gebe es ganz normale intakte Häuser und eben dieses „Dreckshaus“ gleich nebenan, aus dem im Sommer manchmal der Müll heruntersegelt. Vor allem die herumstreunenden, hungrigen Kinder machen ihr Sorgen. „Unsere Zielgruppe ist jünger geworden.“ Und russischer. Morgen ist wieder „Russendisko“ im Haus – bis zwei Uhr morgens. „Können alle kommen“, sagt Alex aus Kasachstan, seit acht Jahren Gropiusstädter.

Anlässlich des Jubiläums erschienen: Dorothea Kolland (Hrsg.): Der lange Weg zur Stadt. Die Gropiusstadt im Umbruch. Karin Kramer Verlag, Berlin. 185 Seiten, 15€.

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