Frühling : Aufsteigen und verweilen

Mit dem Sommergefühl hat nicht nur die Saison der Straßencafés begonnen, auch die große Zeit des Treppensitzens. Berliner Stufen sind in diesen Tagen die Alternative zur Sonnenbank.

Christian van Lessen
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Welche ist die schönste Treppe der Stadt? In der Frühlingswärme machten viele am Sonnabend den Test. - Foto: Uwe Steinert

Es beginnt, sich als städtisches Lebensgefühl einzubürgern. Tausende drängt es täglich auf die warm gewordenen Stufen der Stadt, um die Aussicht auf prominente Orte zu genießen, etwa den Gendarmenmarkt. Hier führt eine der längsten Treppen zum Schauspielhaus. Für viele Berliner und Touristen ist gerade jetzt der Weg das Ziel. Der Weg, das sind hier 29 Stufen zum Touristenglück. Passend wirbt ein Plakat des Konzerthaus-Orchesters: „Atmen Sie Geschichte.“ Und wer hier ganz außer Puste gerät, kann mit grandiosem Überblick lang und tief durchatmen.

Ganz oben auf der Treppe am Gendarmenmarkt sitzt Sonnabendmittag Christina Clausen mit Gästen aus der Pfalz. Die junge Frau bringt die Attraktion des Treppensitzens auf den Punkt: „Das ist Freiheit. Jeder kann alles genießen, ohne zu bezahlen. Kein Ober kommt vorbei wie unten in den Cafés.“ Ein Reisebus aus Norddeutschland leert sich, wie automatisch füllen sich die Stufen. Die Leute setzen sich, die Älteren bleiben im unteren Drittel. Jacken werden ausgezogen, sogar Strümpfe und die Schuhe. Jugendliche aus Italien kommen vorbei. Sie erinnern sich ans Treppensitzen in Rom, blättern in Berliner Stadtplänen und fühlen sich wie zu Hause. Das Wort „Scala“ fällt und passt zur kulturellen Umgebung. Einige Leute nehmen sich hier sogar die Zeit, sich die vielen Stufen genauer anzuschauen, entdecken hier und da einen zarten Moosflaum, was der Treppe auch etwas Gemütliches gibt. Gewitzte Tauben spazieren unter wohlwollender Beobachtung von Stufe zu Stufe, weil sie ahnen oder gar wissen, dass auf jeder Etage ein Krümelchen für sie abfällt.

Eine Treppe, heißt es, besteht mindestens aus drei aufeinanderfolgenden Stufen. Die Neue Wache Unter den Linden hat gerade drei, und die sind stets gut mit Sitzenden gefüllt. Das Alte Museum und der Berliner Dom sind auch zu Berliner Stufenklassikern geworden, haben gut siebenmal mehr Stufen. Am Sonnabend machen hier viele Touristen Rast. Auf der Treppe der Hedwigskathedrale hat eine Bettlerin mit Kind Position bezogen, was andere abschreckt, hier auch Platz zu nehmen.

Die 16 Stufen zum Spreeufer auf dem Platz vor dem Reichstag sind für jeden Berlin-Touristen offenbar ein Muss. Aber merkwürdig ist schon, dass die große, ausladende Freitreppe am gegenüberliegenden Ufer vor dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestags so gar nicht angenommen wird. Da mögen alle Treppen rundum dicht bevölkert sein und im Schatten liegen, die grandiose Treppe, mit 64 Stufen eine der längsten Berlins, ist meist leer. So unbelebt hat Architekt Stephan Braunfels sie sich nicht vorgestellt. Schließlich gibt es oben auf der breiten Terrasse noch ein Kunstwerk des italienischen Bildhauers Marino Marini zu sehen.

Treppen sind für viele Menschen Hindernisse, erhöhen aber die Wirkung eines Bauwerks, wussten schon die alten Griechen. Die Aufenthaltsqualität von Treppen wird gerade in südlichen Ländern geschätzt. Berliner und Besucher finden zunehmend Gefallen daran. So gesehen wird die Stadt immer mediterraner. Christian van Lessen

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