FU-Studie : Berliner Schüler verklären die DDR

2300 Jugendliche in Ost und West zu der Geschichte der DDR befragt. Die Forscher stellten bei den Schülern eklatante Wissenslücken fest.

Susanne Vieth-Entus

Berliner Schüler wissen wenig über die negativen Seiten der DDR und haben generell nur geringe Kenntnisse über die politischen Systeme der beiden deutschen Staaten und die deutschen Teilung. Sie verklären die DDR und wissen größtenteils noch nicht einmal, dass die DDR eine Diktatur war. Sie wünschen sich mehr staatliche Lenkung und weniger individuelle Freiheit. Das ist das Ergebnis einer Studie des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität, die am Freitag in Dahlem vorgestellt wurde.

Die Forscher hatten 2 350 Neunt- bis Elftklässlern Fragebögen vorgelegt und zudem noch mit 100 Schülern Einzel- und Gruppengespräche geführt. Hier einige der prägnantesten Ergebnisse:

Nur 49 Prozent der Ost- und 60 Prozent der West-Schüler bejahen, dass die DDR eine Diktatur war.

77 Prozent der Ost- und 47 Prozent der West-Schüler würden für eine Arbeitsplatzgarantie einen geringeren Wohlstand in Kauf nehmen.

Nur 36 Prozent der Ost- und 63 Prozent der West-Schüler meinen, dass die Bundesrepublik insgesamt besser sei als die DDR gewesen ist.

Nur 54 Prozent der Ost-Schüler ziehen die Freiheit der staatlichen Rundumversorgung vor. (West: 71 %).

Nur 40 Prozent der Ost-Schüler haben eine negative Gesamteinschätzung der DDR (West: 55 %).

Fast 40 Prozent der Ost-Schüler halten die Stasi für einen ganz gewöhnlichen Geheimdienst (West: 24 %).

40 Prozent der Ost- und 21 Prozent der West-Schüler glauben, die DDR-Rente sei besser gewesen.

Nur knapp 50 Prozent der Ost- und knapp 60 Prozent der West-Schüler bestreiten, dass die führende Rolle der SED positiv gewesen sei.

Nur 17 Prozent der Ost- und 26 Prozent der West-Schüler wissen, dass es in der DDR die Todesstrafe gab.

Die Fehleinschätzungen über das DDR-System beruhen zum großen Teil auf Wissenslücken: Das fängt schon bei der Frage an, wer wann die Mauer errichtet hat. Nur ein Drittel gibt der DDR-Führung dafür die Schuld, die Hälfte der Sowjetunion, 14 Prozent den Alliierten, fünf Prozent der Bundesrepublik und zwei Prozent den USA. Nur zwei Drittel konnten das Jahr des Mauerbaus benennen.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) nannte die Ergebnisse „überraschend“ angesichts der Tatsache, dass eine andere bundesweite Studie, die im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands erarbeitet worden war, zu „völlig anderen Ergebnissen“ gekommen sei. Demnach verfügten die Schüler in Berlin in Bezug auf die DDR-Geschichte über den besten Wissenstand. Auch betonte er, dass die DDR in den Berliner Rahmenlehrplänen ein „verbindliches Thema“ sei. Seine Verwaltung werde die FU-Studie „genau auswerten“.

Wie mehrfach berichtet, ist die Behandlung der DDR zwar tatsächlich in den Rahmenplänen vermerkt. Jedoch geben viele Lehrer an, dass sie aus zeitlichen Gründen dieser Vorgabe nicht folgen können. Schon eine Tagesspiegel-Umfrage unter 200 Berliner Schülern vor rund drei Jahren hatte ähnliche Defizite wie jetzt die FU-Studie gezeigt. Damals kam heraus, dass die meisten Zehntklässler noch mit der Nazi-Zeit befasst waren, obwohl das Thema schon mit der neunten Klasse abgeschlossen sein müsste.

Damit sich Lehrer nicht mehr mit Hinweis auf Zeitnot vor dem DDR-Thema drücken können, schlägt der SED-Forschungsverbund vor, andere Prioritäten zu setzen. Schroeder und seine Kollegen Monika Deutz-Schroeder und Uwe Hillmer zeigten sich alarmiert über die zum Teil sehr negativen Reaktionen in den Schulen auf ihre Umfrage. Manche Schulen hätten es sogar abgelehnt, ihnen die Umfrage zu erlauben. Andere Lehrer hätten ihnen unterstellt, die Schüler einseitig beeinflussen zu wollen. Es habe auch Lehrer gegeben, die bestritten, dass es in der DDR die Todesstrafe gab. In manchen Ost-Schulen habe ihnen der „Kasernenhofton“ Bauchschmerzen bereitet.

Schroeders Team hat auch Schüler in Brandenburg, Bayern und Nordrhein- Westfalen befragt. Die Ergebnisse werden demnächst veröffentlicht. Schroeder kündigte an, dass die Ergebnisse Brandenburgs mit denen Ost-Berlins vergleichbar seien. Die Studie mit den Berliner Zahlen kann unter der Telefonnummer 8385 2091 beim Forschungsverbund SED-Staat für 15 Euro bestellt werden.

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