Berlin : Führung und Hingabe

Ob Standard, Tango oder Salsa – der Tanz in Berlin boomt. Vor allem Paare im mittleren Alter schreiben sich in Schulen ein

Andreas Oswald

Stirn an Stirn mit dem fremden Mann schwebt Katja über das Parkett. Sie haben sich nie vorher gesehen und doch drehen sie sich eng umschlungen, als seien sie seit Jahren ein Paar. Lächelnd erspürt sie, was er als Nächstes von ihr will. Dreht er nach rechts? Geht es weiter vorwärts? Legt er acht Takte Pause ein, um Sekunden gemeinsamer Stille zu genießen? Sie lässt sich auf die filigrane Führung des Fremden ein und es ist ihre Hingabe, die beide zum Fliegen bringt.

Wer einmal wirklich tanzen kann, dem tut sich eine Erlebniswelt auf, die immer neue Überraschungen mit fremden Menschen bringt. Nicht jeder steht wie Katja auf Tango, aber in Berlin haben Tanzwillige schließlich die Wahl. Jeden Abend in der Woche finden in früheren Fabrikhallen und ehemaligen Brauereien Tanzveranstaltungen statt. Sonntagabend im Ballhaus Walzerlinksgestrickt: Wiener Walzer, Rumba und Quickstep sind hier angesagt, die ganze Palette der Standard- und Lateintänze. Mit dem Film „Shall we dance“ mit Richard Gere und Jennifer Lopez im letzten Herbst hat der Standard-Tanz einen neuen Schub bekommen. Die Tanzschulen waren ausgebucht. Wer für die neuen Kurse, die meist im April beginnen, einen Platz bekommen will, muss sich beeilen.

Doch es ist nicht nur der Film, der die Masse der 30- bis 40jährigen in die Tanzsäle treibt. Sie sind den hippen Dancefloors längst entwachsen, feste Paarbeziehungen machten einstige Nachtschwärmer sesshaft. „Doch irgendwann kommt der Kitzel wieder hoch“, sagt die 34-jährige Katja. Ausgehen, tanzen, neue Leute kennen lernen – das nächtliche Vergnügen ist mit 40 Jahren nicht zu Ende. Auch in einer festen Beziehung gibt es das Bedürfnis, sich mit jemand anderem zu vergnügen. Das muss die Beziehung nicht gefährden. Paartanz bietet einen Rahmen dafür. Es können Partner getauscht werden, ohne dass Eifersucht aufkommt.

Der Tanz boomt. Mehr als 40 Tanzschulen gibt es inzwischen in Berlin, Tendenz steigend. Doch welche ist die richtige? Hier gilt: Am besten ausprobieren. Bei Standard-Latein-Tänzen kommen Anfänger relativ schnell zu Erfolgserlebnissen. Wer eher ausgelassen ist und Spaß an karibischen Rhythmen hat, in die er sich tänzerisch leicht einfindet, ist bei Salsa richtig. Der sollte aber vielleicht erst einmal probehalber einen Abend im Havanna-Club, Hauptstraße 30 in Schöneberg, verbringen, um zu sehen, ob ihn der direkte Umgang dort begeistert. Argentinischer Tango ist von den Anforderungen her anspruchsvoller. Zu Tangoabenden gehen Amateure oft allein, um mit unterschiedlichen Partnern zu tanzen.

Feste Paare fühlen sich da beim Standard manchmal besser aufgehoben. Außerdem können sich in Standardkursen auch mittelbegabte Männer wohl fühlen. Die anderen Männer stellen sich mit ihren Frauen meist nicht geschickter an als man selbst. Oftmals lernen Paare dabei andere Paare kennen und es ergeben sich neue Freundschaften.

Jede Tanzschule, jede Tanzveranstaltung hat ihren eigenen Charakter. Wer wissen will, wo er sich wohl fühlt, findet es beim Tanzabend heraus, den jede Schule mindestens einmal in der Woche veranstaltet: reinschnuppern, schauen, ob die Leute zu einem passen. Wer über eine längere Zeit hinweg tanzt, wechselt oft nicht nur die Schule, sondern auch die Tänze und die weit gefächerten Milieus. Denn es gibt was zu entdecken.

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