Berlin : Fülle in Hülle

Christian van Lessen

Fünf oder sechs Motive werden noch kommen, dann ist Schluss mit Lustig. Bis spätestens Anfang Oktober, zum Tag der Deutschen Einheit, muss das Brandenburger Tor hinter den Planen fertig saniert sein, dann sind Hüllen zwecklos. Nach dann fast zwei Jahren drängt auch die Zeit, aber der Abschied von der wechselnden Garderobe dürfte viele Betrachter traurig stimmen. Ist das wahre Tor sichtbar, wird sein versteinertes und starres Äußeres schon etwas fremd wirken: Berliner haben sich an die Hüllen gewöhnt, für Touristen sind sie ohnehin zur Foto-Attraktion geworden.

Wie gerade die Klick-Hand, die eine Säule antippt und ankippt, so dass Berlins Wahrzeichen auf fünf Beinen steht. Im Internet ist alles möglich, lautet die Botschaft des Sanierungssponsors Telekom. Gut ein Dutzend verschiedene Hüllen und Tor-Variationen hat es schon gegeben, und die Botschaften reichten vom spektakulären Säulen-Gewirr zur Love Parade (Habt Euch lieb) über Eiffelturm und Kreml vorm Tor (Die Welt rückt näher) bis zum vergleichsweise braven "Fröhlichen Fest". Da hatte man aus dem Tor die 24 Türchen eines Adventskalenders geschnitten. Einmal war das Wahrzeichen kräftig geschrumpft, die Botschaft lautete: Die Welt wird kleiner. Oder ein Herz verkündete: Von Mensch zu Mensch.

Über die Motive auf der feuerfesten und windabweisenden Hülle wird relativ kurzfristig entschieden, so dass noch nicht geklärt ist, was noch alles ans Tor kommt. Die Victoria-Versicherung will demnächst ein Motiv beisteuern. Aber sonst sponsert die Telekom die Restaurierungsarbeiten der privaten Stiftung Denkmalschutz Berlin seit über einem Jahr mit 350 000 Mark oder 179 000 Euro monatlich, und als Gegenleistung darf sie das Tor verhüllen. Kultursenator Thomas Flierl, zu Beginn der Aktion noch Baustadtrat in Mitte, hatte darauf bestanden, dass auf der Hülle nicht für etwas geworben wird, was auch verkauft werden kann. Der Sponsor argumentierte, durch ein T-Zeichen und einen Spruch ließen sich kaum Kunden zum zusätzlichen Telefonieren animieren. Er war allerdings auch unsicher, was ein Bauwerk mit so hohem Symbolgehalt überhaupt an Botschaften verkraften kann, wie es nach Ansicht der Kulturabteilung des Konzerns "verfreundlicht" werden kann. Um möglichst pfiffige Ideen zu bekommen, schaltete die Telekom die Hamburger Werbeagentur Springer & Jacoby ein, die für so unterschiedliche Kunden wie DaimlerChrysler oder auch Dr. Beckmanns Fleckenteufel arbeitete.

Die Hamburger entwickeln seither ihre Ideen und legen sie der Telekom vor, die eine Vorauswahl trifft. Zu Weihnachten einen Osterhasen am Tor zu präsentieren ("Wir sind unserer Zeit voraus") fand keinen Gefallen. Auch der Vorschlag, eine Hülle ohne Tor zu zeigen, wurde nicht umgesetzt. Aber die meisten Motive stießen sofort auf Zustimmung, auch bei den Behörden, denn sie müssen über die "Freigabe" entscheiden. Beteiligt sind an dem Hüllenspiel der Denkmalschutz der Verwaltung für Stadtentwicklung und das Bezirksamt Mitte.

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