Fünf Jahre danach : Die verlorene Ehre der Familie Sürücü

Der Mord an Hatun Sürücü sollte die Ordnung in der Familie wiederherstellen. Fünf Jahre danach ist der Clan zerstört.

Ferda Ataman
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Erinnerung. Mit diesem Bild erinnerte ein Trauerschreiben an einer Tempelhofer Bushaltestelle an die ermordete Hatun Sürücü. -Foto: pa

BerlinIhre Augen sind halb geöffnet, als der Notarzt um 21.08 Uhr auf einem Tempelhofer Bürgersteig ihren Tod feststellt. Zwischen Hatun Aynur Sürücüs Fingern glüht eine Zigarette, aus dem Kopf der 23-Jährigen fließt Blut. Ihr Mörder hat ihr dreimal ins Gesicht geschossen. In schneller Folge, aus nächster Nähe – wie bei einer Hinrichtung. In gewisser Weise ist es auch eine. Hatun Sürücü hatte ein Bauchnabelpiercing und einen deutschen Freund – aus der Sicht ihres 18-jährigen Bruders Ayhan war es daher nötig, sie umzubringen und „die Ordnung in der Familie wiederherzustellen“, so seine Erklärung vor Gericht. Fünf Jahre später ist von Ordnung keine Spur. Von der Familie ist kaum mehr jemand da, um den Mörder im Gefängnis zu besuchen.

Sieben Monate lang hatte sich das Landgericht Berlin damals durch den Prozess gequält. Hatun Sürücüs drei Brüder, wegen gemeinschaftlichen Mordes angeklagt, verhöhnten die Große Strafkammer, indem sie dazwischenredeten, immer wieder laut auflachten, einer rief dem Staatsanwalt sogar „halt deine Klappe“ zu. Die anderen Familienmitglieder schwiegen vor Gericht. Ayhan wurde nach seinem Geständnis zu neun Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Die beiden älteren Brüder Mutlu (26) und Alpaslan (24) sprach das Gericht aus Mangel an Beweisen frei.

Ein Bild von diesem Prozess ist berühmt geworden: Es ist April 2006, zwei Schwestern von Hatun Sürücü warten vor dem Gericht auf ihre soeben freigesprochenen Brüder. Als sie das Gebäude verlassen, winken die Mädchen froh, lachen und strecken den Fotoapparaten und Fernsehkameras zwei gespreizte Finger für „Victory“ entgegen – „wir haben gewonnen“ sollte das heißen. Die Sürücüs hielten zusammen und glaubten in diesem Moment tatsächlich, dass der Rest der Familie unbeschadet davonkommen würde. Doch das ist er nicht.

Der Name Sürücü ist mit Blut befleckt, die Familie inzwischen über Deutschland und die Türkei zerstreut. Die Sürücüs sind Berlins berüchtigste Migrantenfamilie. Ein Clan, der mehr als 30 Jahre in Kreuzberg wohnte, aber nie in Deutschland ankam. Die Eltern Kerem und Hanim Sürücü zogen in den siebziger Jahren aus einem kurdischen Dorf ans Kottbusser Tor. Von ihren zehn Kindern ist eines verstorben, eines wurde ermordet – vom eigenen Bruder. Vater und Mutter, die kaum Deutsch sprachen, ließen damals über einen Dolmetscher erklären, dass sie nichts mit dem Tod der Tochter zu tun hätten. Der Mord sei nicht – wie viele Experten vermuten – im Familienrat geplant und vom Jüngsten vollstreckt worden.

Vater Kerem starb 2007 an Krebs. Die Mutter wohnt heute in einer kleinen Wohnung in Kreuzberg, bei ihr geblieben ist nur ihre jüngste Tochter. Das Mädchen wird in diesen Tagen volljährig. In ihrem Umfeld, dem Kreuzberger Einwanderermilieu, weiß jeder, wofür ihr Nachname steht. Auch wenn es hier keine Brüder mehr gibt, die sich in ihr Leben einmischen können, bleibt fraglich, ob sie diese Freiheit nutzen kann. Hatuns Sohn Can, er war zur Zeit des Mordes sechs Jahre alt, lebt seitdem bei einer Pflegefamilie.

Der Fall Sürücü ist bis heute nicht abgeschlossen: 2007 wurde der Freispruch für die Brüder Alpaslan und Mutlu vom Bundesgerichtshof aufgehoben – seither entziehen sie sich den deutschen Behörden. Beide sollen in Istanbul leben, sobald sie das Land verlassen, müssen sie mit einer Festnahme rechnen. Der älteste Bruder Emrah lebt bereits länger in der Türkei, er wurde wegen diverser Strafdelikte ausgewiesen. Per E-Mail hat er sich 2008 in Deutschland gemeldet und Hilfe bei der Aufklärung des Mordfalls angeboten. „Ich bin dabei, ein Buch über Hatun zu schreiben und werde alles bis ins Detail dort berichten“, steht in dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt. Die darin enthaltenen Informationen lassen darauf schließen, dass der Absender tatsächlich Emrah Sürücü ist. Ob er bislang etwas geschrieben hat, ist unbekannt.

In Haus zwei der Jugendstrafanstalt Plötzensee, dem „Mörderhaus“, wie der Trakt intern genannt wird, macht Ayhan Sürücü neben seiner Tischlerlehre inzwischen Fernabitur. Seit der schmächtige Kreuzberger hier eingeliefert worden ist, scheint er das Ansehen seiner Mithäftlinge zu genießen. „Je schlimmer deine Tat, desto mehr Respekt bekommst du da drin“, sagt ein inzwischen freigelassener Straftäter, der Ayhan persönlich kennt und offenkundig mag. „Die Leute dort finden seine Tat richtig“, sagt er.

Außerdem sei Ayhan clever, „nicht so hohl wie die anderen“, auch das verschaffe ihm Anerkennung in der Knasthierarchie. 2007 hatte er wegen einer Schlägerei, Gefangenenmeuterei und Drogenbesitz drei Monate Strafzuschlag bekommen. Nun versucht er offenbar einen besseren Eindruck zu machen. Ayhan wolle „irgendwas studieren“ und nach der Haft im Ausland leben. „In Deutschland kann er mit dem Namen nichts mehr anfangen“, sagt sein Kumpel.

Der ehemalige Berater und Dolmetscher der Familie, Zakareia Wahbi sagt, er habe mit den Sürücüs seit Jahren kaum noch zu tun. Sie hätten sich zurückgezogen, würden Medienvertreter meiden, weil die „ihnen übel zugesetzt“ hätten. Allerdings helfe er gerade Nalan Sürücü beim Scheidungsverfahren. Sie ist die Frau von Alpaslan Sürücü, der sich in die Türkei abgesetzt hat. Nalan weigere sich, ihrem Mann hinterherzuziehen und wolle auch nicht länger auf seine Rückkehr warten.

Neben ihr hatte sich nur noch einer von der Sürücü-Sippe gelöst: ein Bruder der Ermordeten, der in Nordrhein-Westfalen Jura studiert hat. Laut einem „Zeit“-Bericht von 2009 denkt er darüber nach, seinen Nachnamen zu ändern. Der Jurist könne sich inzwischen vorstellen, als Nebenkläger gegen seine Brüder aufzutreten, wenn der Prozess neu aufgerollt werden sollte. Anstelle von Hatun. Allerdings habe er Angst – und er will kein Verräter sein. Ferda Ataman

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