• Fünf Jahre nach dem Abzug der russischen Armee erweckt die Johannische Kirche ihre Siedlung wieder zum Leben

Berlin : Fünf Jahre nach dem Abzug der russischen Armee erweckt die Johannische Kirche ihre Siedlung wieder zum Leben

Claus-Dieter Steyer

Zuerst stapelte sich der Sperrmüll im ganzen Keller. Als dort kein Flecken mehr frei war, kam der erste Raum des Erdgeschosses an die Reihe. Quadratmeter um Quadratmeter wurde mit allen möglichen Sachen und sogar Hausmüll vollgestopft, bis die untere Etage gar nicht mehr bewohnbar war. Fortan lebten die Familien nur noch in der ersten Etage.

Was sich wie ein unglaublicher Einzelfall anhört, hat sich in Ostdeutschland und vor allem im Berliner Umland dutzendweise, ja sogar hundertfach zugetragen. Viele Offiziere der sowjetischen Armee, die zwischen 1991 und ihrem Abzug 1994 unter alleiniger russischer Führung stand, praktizierten diesen Lebensstil. Er verzögert heute vielerorten nicht nur die Renovierung tausender ehemaliger Soldatenunterkünfte, sondern verteuert die Arbeiten erheblich. Ein Schauplatz dieser merkwürdigen Geschichten ist derzeit der kleine Ort Glau bei Blankensee, rund 30 Kilometer vor der südlichen Berliner Stadtgrenze gelegen.

Dort wird die fast ein halbes Jahrhundert von den Truppen mit dem Stern an der Mütze genutzte Friedensstadt der Johannischen Kirche wieder Schritt für Schritt in den alten Zustand versetzt, wenngleich auf höherem Niveau. "Wir stoßen da vor allem in den Ein- und Zweifamilienhäusern auf fast unbeschreibliche Zustände", sagt Klaus Ritter vom Vorstand der Johannischen Kirche. "Der Müll in den Häusern macht uns doch stark zu schaffen." Dabei kommt von ihm kein böses Wort über den ziemlich sonderbaren Lebensstil der Offiziere über die Lippen. Das Gegenteil ist der Fall. "Die Garnison in Glau war vielleicht die einzige überhaupt, in der nie das Licht ganz verlosch. Denn wir konnten unser Eigentum schon während der Truppenpräsenz in Augenschein nehmen und sogar schon mit den ersten Arbeiten für die Zeit nach dem Abzug der Armee beginnen", erzählt Ritter. Die vom Gründer der Johannischen Kirche, Joseph Weißenberg, und seinen Anhängern von 1920 bis 1935 für 500 Menschen errichtete Siedlung blieb damit wenigstens von nachträglichen Vandalismusschäden verschont.

Im Nachhinein erwiesen sich die Mülldeponien in den Wohnhäusern als gar nicht so sonderbar. Denn die Offiziersfamilien aus dem Riesenreich warfen wie üblich im gesamten Ostblock eben kaum etwas weg. Alles konnte schließlich in der Mangelwirtschaft noch irgendeine Verwendung finden. Doch meist war der Container für den Umzug in eine andere Garnisonsstadt oder in die Heimat zu klein, so dass vieles eben zurückbleiben musste. Kein Offizier war in der Regel länger als fünf Jahre in der DDR stationiert. Seine Nachfolger sahen das Gerümpel im Haus und verfielen nach kurzer Zeit auf gleiche Weise dieser Sammelleidenschaft.

Trotz der Schwierigkeiten beim Wiederaufbau der Friedensstadt wohnen heute wieder rund 300 Menschen auf dem Gelände. Die fünf Häuserblöcke, die in den siebziger Jahren für Offiziersfamilien gebaut worden waren, zeigen sich im neuen Glanz. Die Herrichtung der etwa 40 Gebäude - Wohnhäuser, ein Altersheim, eine Schule, ein Landwirtschaftsbetrieb, Werkstätten, eine Gaststätte, ein Heilinstitut und andere Häuser - erfolgt überwiegend in ehrenamtlicher Mitarbeit vieler Helfer. Sie kommen an Wochenenden aus ganz Deutschland.

Zu den Bewohnern gehören nicht nur Kirchenmitglieder, obwohl getreu der ursprünglichen Konzeption hier wahres Christentum gelebt werden soll. Besonderes Augenmerk gilt den Schwachen und Hilfsbedürftigen. Um eine gesunde soziale Mischung zu erreichen, entstehen Wohnungen verschiedener Größen. Das Heilinstitut arbeitet bereits wieder mit Praxen für Krankengymnastik, Zahn- und Allgemeinmedizin, Naturheilkunde sowie für medizinische Fußpflege und Kosmetik. Mehrere Geschäfte bieten ein erstaunlich breites Sortiment an. Diese Auswahl wünschte man sich in vielen neuen Wohnvierteln des Umlands.

In das größte Gebäude der Anlage, das 90 Meter lange ehemalige Altersheim, sollen wieder Senioren einziehen. Hier war die Kommandatur der Truppen untergebracht. Eine der beiden in Glau stationierten Einheiten hatte die berüchtigten SS-20-Mittelstreckenraketen im Bestand.

So wie an den Wohnhäusern für die Offiziersfamilien waren an allen anderen Gebäuden mehr als 60 Jahre lang keine größeren Reparaturen ausgeführt wurden. Denn am 17. Januar 1935 wurde die Johannische Kirche verboten und Joseph Weißenberg verhaftet. Im Auftrag der Gestapo betrieb ein Liquidator die Auflösung der Siedlungsgenossenschaft. Alle Bewohner mussten die Häuser verlassen. Ende 1938 übernahm die SS das Gelände. Von 1942 bis zum Januar 1945 befand sich hier unter anderem ein Außenkommando des KZs Sachsenhausen.

Im März 1994 zeichnete sich der Abzug der russischen Armee aus Glau ab. In einem feierlichen Akt schenkte der damalige Kommandeur dem Oberhaupt der Johannischen Kirche einen goldenen Schlüssel als Symbol der Rückgabe der Friedensstadt. Das Bundesvermögensamt bestätigte wenig später diese Prozedur. An die vermüllten Häuser war damals freilich noch nicht zu denken.Die Johannis-Christen feiern bis zum Wochenende ihren Kirchentag. Höhepunkt ist am Sonntag um 11 Uhr ein Festgottesdienst auf dem Waldfriedengelände in Blankensee. In der benachbarten Friedensstadt Glau ist freitags bis sonntags ein großer Biergarten für einen Ausflug zu empfehlen.

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