FÜNF  MINUTEN  STADT : 754

von

Dienstagmittag. Großer Andrang im Kundenbüro der Berliner Verkehrsbetriebe an der Jannowitzbrücke. Nur vier von zehn Schaltern sind besetzt. Wer hereinkommt, zieht eine Nummer. Ratter – die Anzeige an der Stirnseite des Raumes blättert auf 754. Eine Frau spricht in ihr Handy: „Ich werde nicht rechtzeitig zurück sein ... Ja, ich weiß ... Ich komme, so schnell ich kann.“ Ein älterer Mann erhebt sich, hält ihr einen blassgelben Schein hin. „Nehmen Sie meine Nummer. Ich habe Zeit.“ Sie ist dankbar – und nach wenigen Minuten draußen. Doch am frühen Abend betritt sie abermals die Halle: Regenschirm vergessen. Vor ihr geht eine Frau mit Kinderwagen durch die Schiebetür. Das Kind im Buggy schreit. Ein älteres, das nebenher läuft, sagt: „Ich muss mal!“ Die Mutter sieht sich suchend um, zieht eine Nummer. Ihr Blick wandert zur Anzeige. Sie seufzt. Die Frau vom Vormittag ist mit ihrem Schirm schon fast wieder draußen, da hört sie, wie ein Mann der Mutter seine Wartenummer anbietet. Sie dreht den Kopf. Es ist derselbe Herr, der ihr Stunden zuvor den Vortritt gelassen hat. „Sie sind immer noch hier?“, fragt sie. Er wird rot. Er hat keinen Grund, hier zu sein. Nur viel Zeit. Maris Hubschmid

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar