FÜNF  MINUTEN  STADT : Alles über Kasse

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Fünf junge Männer in Lederjacken und Lederschuhen blockieren den Eingang zu einer Bar im Erdgeschoss des Hochhausungetüms „Neues Kreuzberger Zentrum“ am Kottbusser Tor. Schon eine Viertelstunde. „Verpisst euch!“, rufen sie denen zu, die hineinwollen. „Wir polieren euch die Fresse!“, schreien sie jene an, die hinauswollen. Was der Auslöser für die Türblockade an diesem Freitagabend ist, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Etwa 20 Minuten zuvor jedenfalls stand noch einer der fünf an der Theke der Bar, stritt laut mit einem Freund des Barkeepers. Dann Gerangel, dann Türblockade. Drinnen hat der DJ gerade die wummernden Elektro-Bässe durch eine ruhige Pop-Melodie ausgetauscht. Ein Mädchen drängt sich an ihren Freund, sagt: „Ich will nach Hause.“ Der Freund erklärt zum dritten Mal: „Ich rufe jetzt die Polizei.“ Der Barkeeper antwortet zum dritten Mal: „Lass mal, das bringt nur Stress.“ An der Theke bestellen welche die zweite Runde Schnaps innerhalb einer Viertelstunde: „Auf Kreuzberg!“ Plötzlich bahnt sich ein grauhaariger Herr mit schwarzem Schnauzer und knielangem, dunklem Mantel den Weg von draußen nach drinnen. Er tritt zu denen an der Theke, drückt jedem eine Visitenkarte in die Hand. „Zahnarzt“ steht in großen Lettern drauf, auf der Rückseite ist das Farbfoto eines Pärchen zu sehen, mit strahlendem Lächeln. „Falls ihr mich mal braucht“, erklärt der Mann mit ernstem Blick. „Bei mir läuft alles über Kasse.“ Veronica Frenzel

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