FÜNF  MINUTEN  STADT : Als sei nichts gewesen

Christiane Frohmann

Montagmittag, Rathaus-Center Pankow. In der Selbstbedienungsbäckerei. Mein zehnjähriger Sohn und ich. Kakao und Kaffee. Eine Frau stürmt herein. „Ich würde mal einen Krankenwagen rufen. Da liegt ein alter Mann am Boden und macht komische Geräusche.“ Der Shopbetreiber geht hinaus. Genervt. Seine Mitarbeiterin wählt die 112. Ich mache mir eine innere Notiz: Erste-Hilfe-Auffrischungskurs machen!!! Stehe dann auf. Durchs Fenster sehe ich einen Mann über einem anderen Mann am Boden kauern. Erkenne die ruckartigen Bewegungen einer Herzdruckmassage. Es hilft jemand. Ein Glück. Bleich geworden erkläre ich meinem Kind die Situation. Wir sitzen stumm. Er liegt ja noch da. Neben ihm, erstarrt, seine Frau. Dahinter Gaffer. Eine Frau kommt herein, nicht die von eben. Unvermittelt beginnt sie zu sprechen: „Auf keinen Fall mache ich das noch mal. Dreimal sind genug. Das wird man nicht mehr los.“ Was will sie? Absolution dafür, dass ein anderer hilft? Es vergeht eine unfassbar lange Zeit, bis der Krankenwagen kommt. Wir sind mitten in Berlin. Das nächste Krankenhaus ist 500 Meter entfernt. Nicht einer, sondern drei Rettungswagen kommen. Ein Sanitäter führt die Herzmassage fort. Irgendwann fahren die Krankenwagen weg. Zwei machen die Sirene an. Die Gaffer gehen ihrer Wege. Lebt der Mann noch? Mein Kind sagt: „Wie schlimm muss das für seine Frau gewesen sein... und... jetzt... alles wie vorher. Als sei nichts gewesen. Schon vergessen.“ Christiane Frohmann

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