FÜNF  MINUTEN  STADT : Angenehme Nachtruhe

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Ein Krankenhaus, mitten in Berlin, unfallchirurgische Station, gegen Mitternacht. Draußen tobt das Leben, drinnen auch – nur anders: Herr D. erwacht, stöhnt, lang gezogen, verklingend, brüchig, alt. „Äääööhhh.“ Dann das allzweistündliche Ritual: Herr D. strampelt sich die Decke vom Leib, rupft sich die Windel aus dem Schritt, wirft sie über das Pflegebettfußteil in den Raum, will gleich hinterher, hektisch atmend aus dem Bett, Akustikversion von „ungesund“, kann aber nicht: ist ja hier mit Hüftleiden. Hat das jedoch vergessen. Und dann erstrahlt im Licht, das die Schwester macht, das ganze Elend, nackt und fleckig, mit blauen Lippen und irrenden Augen, von denen man nie genau sagen kann, was sich hinter ihnen verbirgt: Trauer, Wut, nichts davon oder eher alles. „Was machst du denn da?“, lacht jetzt die Schwester. Und: „So gut kennen wir uns doch noch gar nicht.“ Duzen, offenbar eine gute Demenzdeeskalationsstrategie. Herr D. kichert nun schamhaft und lässt sich folgsam in Windel, Hose und Bett verfrachten. Das Licht geht aus. Im Halbdunkel ist zu sehen, wie Herr D. sich noch einmal im Bett aufsetzt: „Angenehme Nachtruhe!“ wünscht er, „Angenehme Nachtruhe!“ sagen wir Zimmergenossen. „Angenehme Nachtruhe!“ – „Angenehme Nachtruhe!“ Und so weiter, hin und her, fünf Minuten lang. Dann dämmern alle einem neuen Tag entgegen. An dem wird zu jedem von uns jemand aus dem Trubel der Stadt hinaufsteigen. Nur nicht zu Herrn D. Johannes Schneider

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