FÜNF  MINUTEN  STADT : Ankleideräume

An einem Samstagvormittag in der Dolziger Straße in Friedrichshain.

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Eine Frau Mitte zwanzig, die vom Einkaufen kommt, macht vor einem Bauzaun Halt. Dahinter erstreckt sich zwischen den Brandwänden der angrenzenden Häuser eine Brache, an der die Frau schon oft vorbeigekommen ist. Neu sind für sie die Bagger und Kettenlader, die jetzt, am Wochenende, wie riesige, angekettete Monster am Rand des Geländes auf ihren Einsatz warten. Vor dem Zaun steht ein breiter, blauer Baucontainer. An der Hauswand rechts des Grundstücks hängt ein überdimensioniertes, dunkelgrün gerahmtes Plakat mit mehreren Abbildungen in Pastelltönen. Die Frau liest: Hier soll eine Luxus-Wohnanlage entstehen. „Lichtdurchflutete Räume, großzügige Terrassen/Balkone, separate und beheizbare Abstellräume für Kinderwagen, Tiefgarage für Fahrrad und Pkw, Video-Klingelanlage mit integrierter Ruf- und Gegensprechfunktion, Holzpellet-Heizung und Solaranlage ...“ Die Frau dreht den Kopf nach links, wo eben eine alte Dame schnaufend neben ihr stehen geblieben ist. Auch sie erblickt das Werbebanner offenbar zum ersten Mal. Laut liest sie ab: „Ankleideräume an allen Schlafzimmern.“ Dann sieht sie die Jüngere an. „Nee,“ sagt die Dame und wiederholt: „Ankleideräume an allen Schlafzimmern!“ Sie schüttelt den Kopf. „Det is nicht mehr meine Straße. Zeit, dass ich ins Altersheim gehe.“

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