FÜNF  MINUTEN  STADT : Ausländische Schergen

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Freitagabend, kurz nach 20 Uhr, im Bahnhof Alexanderplatz. Oben in der Halle, wo die S-Bahnen fahren, ist es rappelvoll, nachdem zwei Züge gleichzeitig angekommen sind. Schon entstehen Menschenstaus, mühsam schieben sich die Massen zu den Treppen Richtung Ausgang. Auf der Rolltreppe fährt ihnen eine junge Frau entgegen. Sie fällt nicht weiter auf: um die 30, schmales, hübsches Gesicht, lange mittelblonde Haare, dunkelblauer Mantel, lederne Umhängetasche. Sie hat ein mit Einkäufen beladenes Fahrrad dabei. Hier lugt eine Stange Lauch aus der Tüte, dort scheint eine Packung Küchenrolle durch das weiße Plastik. Plötzlich aber richten sich alle Augen auf die Frau, weil sie beginnt, laut zu rufen: „Achtung, ihr Leute! In Berlin wimmelt es von Geheimdiensten und von ausländischen Schergen, die davon ablenken sollen, dass Menschen verstrahlt werden! Macht die Augen auf!“ Ihre Stimme klingt merkwürdig monoton. Während sie an den anderen vorbeifährt, wiederholt sie die Sätze wieder und wieder. Verdutzte Mienen überall, ein Flüstern beginnt. Einige Passanten blicken betreten zu Boden. Als die Frau so weit entfernt ist, dass man sie nur noch leise hört, wendet sich ein junger Mann mit Rollkoffer, offenbar zu Besuch in der Stadt, fragend an seinen Begleiter. „Sebastian, what did she say?“ – Der Freund entgegnet: „Party tonight. Everyone’s invited. Unfortunately I didn’t get where.“ Maris Hubschmid

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