FÜNF  MINUTEN  STADT : Blassrosa oder sandfarben

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„Ich kann Ihren Zettel nicht finden“, sagt die junge Frau, Verlegenheit im Gesicht. Auf der anderen Seite der niedrigen Theke zieht ein Mann, etwa Anfang 40, die Luft durch die Zähne. Der Zettel kann nicht weg sein. Seit er zum ersten Mal seine Hemden in die kleine Wäscherei in Mitte gebracht hat, gibt es diese Vereinbarung mit dem Besitzer, der schon hier gestanden haben muss, als hinter dem Schaufenster noch Zone war. Weil der Kunde die Angewohnheit hat, die dünnen Papierfetzen, blassrosa oder sandfarben, ständig zu verlieren, ließ er sie einfach im Laden. Kam er, um seine Hemden zu holen, ging der Besitzer, immer wortlos, ins Hinterzimmer und legte sie, wäschereifrisch, auf die Theke. Klare Sache. Fragen gab es keine. Probleme auch nicht.

Nun aber steht dort statt des Besitzers dessen Tochter. Aushilfsweise. Und kann den Zettel nicht finden. Auf sein Drängen löst sie die Papierchen einzeln von der Wand, beginnt zu lesen: „Schmidt“, liest sie. Die Handschrift des Vaters. Und weiter: „Fabian, Braunermann, Kruse.“ Sein Name ist nicht dabei. Doch der Mann stutzt. Was war das Dritte noch mal, fragt er. Die kleine Frau starrt auf den Zettel, starrt in das Gesicht des Mannes, dunkle Haut über dem gestärkten Kragen. „Brauner Mann“, sagt sie dann, ganz leise. Lucas Vogelsang

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