FÜNF  MINUTEN  STADT : Blitzartig langsam

Jenny Becker

Das Kopfsteinpflaster liegt wie jeden Montagmorgen elend grau vor der Tür. Erster Schritt hinaus, nach links drehen Richtung Ringbahn Landsberger Allee, zweiter Schriiiii....! Winter also. Jetzt doch. Diesmal hat er sich unsichtbar über die Stadt gebreitet. Vielleicht ist ihm seine Verspätung peinlich, er will nicht schon am ersten Tag die Diva raushängen lassen, im pompösen Schneekleid. Eis ist der neue Schnee, sagt er. Für uns heißt das: Lang ist der kurze Weg zur S-Bahn.

Alle bewegen sich wie buddhistische Mönche bei der Gehmeditation. Nur angespannter. Eine Mutter kommt starren Blicks mit Tippelschritten den Gehweg entlang, ihr Baby vor sich im Tragetuch. An der Apotheke zieht ein Postbote aufgeregt die Verkäuferin aus dem Laden. „Was wollen Sie bloß?“, fragt die Frau. „Schauen Sie!“, ruft er, schlittert auf harten Sohlen über den Asphalt und dreht eine Pirouette. „Oh“, haucht sie. Er nickt – „Lieber aufpassen heute!“ – und zieht mit einem Gesicht davon, als hätte er mit dieser Demonstration ein Dutzend Rentner vor dem sicheren Tod bewahrt.

Aber: Sein Mut steckt an, das ist also zu schaffen, man kann sogar – vorsichtig – den Kopf heben. In den Augen derer, die noch aufzublicken wagen: ein Pathos wie im Fußballstadion nach dem Anschlusstreffer der eigenen Mannschaft. Wir schaffen es! Nur Geduld! Am Gleis sagt einer: „Blitzeis klingt schnell, macht aber langsam.“ Bedächtiges Nicken. Wenn das alles Meditation ist, ist das hier das Mantra. Jenny Becker

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