FÜNF  MINUTEN  STADT : Brunchline

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Berlin-Mitte. Frühstücksterrasse. Ray-Ban-Wetter. Das Übliche. Diesmal aber auch: hartes Kontrastprogramm. Auf dem Kiesweg unterhalb der Brotkörbe patrouilliert ein junger Mann. Er ist ein bisschen zu zerlumpt, um noch als Szene-Assi durchzugehen. Das Schultheissgesicht verzerrt, beschimpft er die Brunchgesellschaft. „Dreckspack! Wiener Schnitzel mit Pommfritz!“ Bleibt schließlich stehen, auf Höhe eines Pärchens, mittelalt, das sich so wenig zu sagen hat, dass beide unaufhörlich sprechen. Übereinander, nebeneinanderher. Er will über Gauck reden, sie über Kracht. Als hätte jemand zwei Fernsehgeräte gegenüber voneinander aufgestellt, den Lautstärkeregler im Maximalbereich verkantet. Hier die letzte Ausgabe von Maischberger, da der Arte-Themenabend Popliteratur. „Faserland“, sagt sie. Und dann: „War ja auch schon ziemlich bigott.“

Zeichen an den Kellner. Zwei Rotwein. Kurz nach 13 Uhr. Sie streicht ihr Kleid über die Knie, beißt auf den Bügel ihrer Sonnenbrille. Das Schultheissgesicht unten schimpft noch immer. Am Nebentisch erhebt sich ein Gast, geht kopfschüttelnd zum Kellner. Mit Blick auf den jungen Mann sagt er: „Das ist unerträglich.“ Der Kellner, die zwei Rotwein in der Hand, nickt: „Ich weiß. Die sind öfter hier. Aber immerhin stimmt das Trinkgeld.“ Lucas Vogelsang

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