FÜNF  MINUTEN  STADT : Das Duett

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Ihm gehört dieses Ende des Abteils. S2, hier noch Untergrundbahn. Sein Revier, mit Bier markiert. Keine Fahrräder im ersten Wagen. Ganz vorne: nur er. Raumgreifender Blick. Krachmachergleißen, Streitsuchverhalten. Er ist noch jung, keine 30, das Gesicht aber vom Alkohol verwüstet. Nach Bernau, sagt die Frauenstimme vom Band. Bernau, sagt auch er, aggressives Gebrabbel, Erkner, New York, Neuseeland. Steht dann auf und tritt eine Bierflasche durch die sich schließenden Türen auf den Bahnsteig. Schreit, wird lauter.

Nächste Flasche. Er schreit weiter. Unverständliches. Lieber weg hier, an ihm vorbei. Mit wenigen Schritten nach hinten, ans andere Ende des Wagens. Da steht sie. Klein, Anfang 40, Lillifee-Tasche. Eineinhalb Meter Mensch im Quadrat. Potsdamer Platz. Die Türen schließen selbsttätig. Und nun, als wäre das Signal eine Herausforderung, schreit auch sie. Unverständliches. Den Mund weit auf, das Gesicht eine Groteske. Ihr gehört dieses Ende des Abteils. Wer dazwischen steht, wird nun gleichmäßig beschallt. Alltagsirrsinn in Stereo. Nächster Halt: Friedrichstraße. Und sie steigt aus. Und er steigt aus. Sie läuft nach rechts, er läuft nach links. Treffen sich in der Mitte. Sie, nun direkt neben ihm, beginnt wieder zu schreien. Er auch, nun direkt neben ihr, hält den Ton aber länger. Ein Guttural, lang gezogen. Es mündet, ein Lied in allen Dingen, in einem rausgepressten „I love you“. Voller Hass. Lucas Vogelsang

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