FÜNF  MINUTEN  STADT : Die Nase

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Kaum einer hat ihn bemerkt. Es ist nur ein weiterer Auftritt im Stadtbahntheater. Der Junge, abgegriffenes Zeitungspapier über dem Arm, Bauchtasche quer über Schulter und Brust, wartet, bis sich die Türen im Dreiklang schließen. Er schaut, entdeckt ein bekanntes Gesicht. Zwei Reihen entfernt ruht ein Kopf an einem Gitarrenkoffer. Gruß unter Kollegen, Frage aus Neugier. „Wo ist deine rote Nase?“ Der Gitarrenspieler, seit Jahren festes Ensemblemitglied, unterwegs auf allen Linien, der Clown von Moabit, klopft auf seine Hosentasche. Der Junge nickt, aha.

Dann hält er seinen Monolog. Leben auf der Straße, Obdachlosenzeitung, vielleicht eine kleine Spende. Das Wichtigste aber ist die Pointe, das wissen selbst Neulinge auf dem Hartgeldkarussell: „Und deshalb verkaufe ich heute, an meinem 22. Geburtstag, das Straßenmagazin.“ Nur der Gitarrenspieler schaut auf, holt den Jungen mit einer Kopfbewegung zu sich, sagt: „Wenn du heute wirklich Geburtstag hast, gebe ich dir was.“ Er zeigt auf die Brust des Jungen. Ausweiskontrolle. Unruhige Finger öffnen den Reißverschluss, wühlen. Kopfschütteln. Der Junge hat sein Portemonnaie vergessen. Ausgerechnet heute, echt jetzt. Lautes Gitarrenmannlachen. Ja, ausgerechnet heute. Natürlich. Aber warte. Der Ältere greift in seine Hosentasche. „Hier“, roter Schaumstoff zwischen Daumen und Zeigefinger, „die hast du dir verdient.“ Lucas Vogelsang

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