FÜNF  MINUTEN  STADT : Die Wollmütze

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Ein ganz normaler Kurzhaarschnitt. Nichts daran ist irgendwie auffallend . Doch im Leben des Jungen, zu dem er gehört, scheint es gerade nichts Wichtigeres zu geben. Er sitzt an einem frühen Nachmittag allein auf einer Bank auf dem S-Bahnhof Oranienburger Straße. Er ist vielleicht 15 Jahre alt, noch ziemlich kindlich. Schmales Gesicht, große Augen. Er trägt Shorts und T-Shirt, schlicht und unauffällig blau-grau. In seiner Hand ein Smartphone, die Kamera ist eingeschaltet. Er hält es so, dass er sich auf dem Bildschirm betrachten kann. Er blickt sich ernst und prüfend an. Dann beginnt er in seinen Haaren herumzuzupfen. Streicht Strähnen nach vorn, nach hinten – immer wieder, minutenlang. Nichts davon verändert etwas, die Frisur sieht einfach immer gleich aus. Mehrmals schaltet der Junge das Handy aus und wieder an, um die Prozedur zu wiederholen. Steht auf, setzt sich wieder hin. Als eine Amerikanerin eine ebenfalls wartende Frau auf Englisch nach der richtigen Bahn nach Oranienburg fragt, geht er zögernd einige Schritte in ihre Richtung, man merkt, er würde gern helfen. Doch er traut sich nicht, dreht ab, als die Amerikanerin eine Antwort von der Wartenden bekommt. Schließlich holt er eine Wollmütze aus seinem Rucksack, setzt sie auf, zupft vor dem digitalen Spiegel daran herum, bis kein Härchen mehr zu sehen ist. Dann kommen noch zwei große Kopfhörer über die Ohren. Ein letzter prüfender Blick, dann ist er bereit, in die S 1 nach Nikolassee zu steigen. Daniela Martens

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