FÜNF  MINUTEN  STADT : Dreckszeug

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Nach Feierabend in einem Supermarkt in Prenzlauer Berg. Am Eingang reihenweise Gemüse und Obst im künstlichen Nieselregen. Die Paprika leuchten rot, die Pilze gibt’s im Körbchen, das Basilikum im Töpfchen. Ein Pärchen diskutiert zwischen Lauchstange und Petersilie über die Herkunft der Bananen. Doch der Mann, der sich jetzt zwischen ihnen, den Auberginen und den Litschis hindurchschiebt, schaut die Auslage nicht mal an. Das hier ist nicht seins. Er ist auf dem Weg zum Kühlregal, langsam, aber zielsicher. Er atmet schwer, er ist sehr dick und ziemlich alt, mindestens siebzig. Die schief geknöpfte Strickjacke spannt, zwischen Gürtel und Hemd zeigt er Bauch. Hinter sich zieht er einen Korb auf Rädern, in den er seine Einkäufe wirft: eine Tiefkühlpizza, noch eine und noch eine, Dosenananas und Schokolade. Er bückt sich nicht, kann er vielleicht auch gar nicht mehr. Dann, auf dem Weg zur Kasse im Gang mit der Schokolade, drückt sich eine Gruppe Kinder an ihm vorbei. Drei Jungs und ein Mädchen, jeder von ihnen greift sich eine Chipstüte. Der alte Mann schaut ihnen nach, bis sie fast im nächsten Gang verschwunden sind. Plötzlich ruft er: „He! Ihr da!“ Die Kinder bleiben stehen und drehen sich um. Sie warten. Der Mann schnauft. „Nicht dieses Dreckszeug!“, sagt er laut und zeigt auf die Chips. „Wenn ihr sowas Ungesundes fresst, dann werdet ihr niemals Achtzig.“ Elisa Simantke

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