FÜNF  MINUTEN  STADT : Ein bürgerliches Haus

von

Da lag der Schlafsack, vor der Haustür, es war noch früh am Tag, der Herbst nicht mehr weit. Eine Pappe lag auf dem Schlafsack: „Suchen Sie sich bitte eine andere Bleibe und verlassen Sie dieses Haus!“ Es ist ein bürgerliches Haus in einem bürgerlichen Kiez, es ist das Haus, in dem ich wohne. Offensichtlich hatte ein Obdachloser Zugang gefunden, lebte hier, hatte ein Dach. Im Briefkasten liegt eine Nachricht vom Vermieter: „Sehr geehrte Mieter, wir haben kurzfristig den Nummerncode geändert ...“ Das Haus hat keine Klingelleiste, stattdessen gibt es einen Zugangscode. Ein paar Meter weiter, an der Ecke zum Kurfürstendamm, hat es mal Ärger gegeben, ein Stein, gleich hinter dem Denkmal von Konrad Adenauer, erinnert daran, dass hier 1991 ein Jugendlicher bei Auseinandersetzungen mit anderen Jugendlichen zu Tode kam. Aber es ist ein guter Kiez, ich mag ihn. Er ist ein wenig in die Jahre gekommen, wie seine Bewohner. Viele Schauspieler leben hier, Fernsehmoderatoren, es gibt Musikwissenschaftler, Schriftsteller, Journalisten. Man kennt sich, man sieht sich, es ist ein bisschen wie auf dem Dorf, einem bildungsbürgerlichen Dorf, man ist irgendwie links und irgendwie tolerant. Schön, dass die Schreiber der Pappe den unbekannten Obdachlosen mit Sie anreden. Das bewahrt ihm doch Würde. Vielleicht ist es auch eine Sie. Man hätte das Problem eines Obdachlosen in unserem Treppenhaus auch anders lösen können. Anders, als ihn/sie auf die Straße zu werfen. Aber darüber möchte ich jetzt nicht nachdenken. In den Tagen danach wurde im Gespräch unter Nachbarn aus einem Obdachlosen ein Fixer, dann waren es zwei Fixer, da war Blut im Hauseingang und in den Kinderwägen des Hauses waren Spritzen gefunden worden. Ich habe keine Ahnung, wer wirklich unter meinem Dach mitgewohnt hat, ich hab nur den Schlafsack gesehen und die Pappe. Helmut Schümann

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben