FÜNF  MINUTEN  STADT : Erfolgsfans

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Kreuzberg. Vor der Fußballkneipe, nach einer krachenden Niederlage. Das ist die Zeit, wo man nur mit seinen allerliebsten Mitfans zusammenstehen möchte, schweigen, rauchen, vielleicht mal: „Achmann...“ Oder auch: „Morgen auf Arbeit wird nochmal richtig scheiße.“ Ruhrpottmigrantenprosa in Berlin. Aber: „Wat sind dat da eigentlich für Prachtexemplare?“ Blicke wandern Richtung Kneipentür, aus der sie grad rauskommen. Einer: Angorapulli unterm feinen Sakko. Eine: Blondmähne zum Leopardenimitat. Der dritte: Daunenjacke mit Fellkragen nach Edeldiskowarteschlangenart. „Die sind auch erst zur Halbzeit gekommen.“ Todsünde, inakzeptabel.

Doch jetzt kommt einer von denen rüber: „Sagt mal, was haben wir eigentlich für Fanfreundschaften mit anderen Vereinen?“ „Keine Ahnung!“ In jeglicher Hinsicht: Wer soll dieses „wir“ sein? Er bleibt dran: „War das nicht mal Pauli?“ Pauli? Die sympathischen Linken, wo wir als Naziverein verschrien sind? „Muss lange her sein.“ „Ja, meine Zeit war mehr so 96/97, der Champions-League-Sieg. Da werdet ihr jetzt sagen: ,Ha, Erfolgsfan...‘“ Wir sagen nix. „...aber ich hab’ das immer weiterverfolgt...“ Wir sagen nix. „...und eure Kneipe ist echt nett, da werde ich mal wieder herkommen.“ Wir sagen nix. „Wann ist denn das nächste Champions-League-Spiel?“ Wir sagen nix, er geht, eine murmelt: „Am Samstag is’ Hannover.“

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