FÜNF  MINUTEN  STADT : Festtagsfrikadellen

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Wedding, Supermarkt. Die Schuhe platt, die Brille hornig, die ganze Frau so demonstrativ naturbelassen, dass sie den Strohbeutel mit Batikaufdruck in ihrer Hand eigentlich gar nicht braucht, um auch so als Besitzerin eines schweren Dinkel-Dünkels durchzugehen. Ein Öko bei Aldi, und nichts gefällt. „Guck mal, die Frikadellen“, flüstert sie ihrem Begleiter zu. „Und so ’nen Scheiß essen die hier freiwillig.“

Was wäre eigentlich, fragt man sich dann, wenn jetzt der Teufel käme? Und die zwei begleiten würde bei ihrem Einkauf, als ganz normaler Kunde? Und jedes Mal, wenn sie sich besonders ekeln, genau dieses Zeug in den eigenen Einkaufswagen laden würde.

Es wäre gut, denkt man dann – und hört sich plötzlich „Lecker, Frikadellen“ sagen. Eishockeypuckgroße Brocken, ein halbes Kilo falsches Bewusstsein, hinein mit ihnen in den Wagen. Die Frau zuckt. Weiterer Wirkungstreffer: „Muttis Stulle“, belegte Brote in Plastik, wo die Wurst schön schwitzt, einen ganzen Arm voll. Der K.o. kommt an der Kühltruhe: Bayerischer Leberkäse zum Selberbacken, eine zähe, hautfarbene Masse in Aluschale, eine Art Fress-Napalm, dazu der dringende Appell des Herstellers nach Verzehr: Geschirr und Hände gründlich reinigen.

Dann fliehen sie, in der Hand einen Brokkoli. Man selbst bleibt zurück, Wagen ausräumen. Wobei, diese Frikadellen, jetzt zum Fest – entscheiden Sie selbst ... Tiemo Rink

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