FÜNF  MINUTEN  STADT : Frohe Weihnachten

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Ein früher Sommerabend im Tiergarten. Auf der Wiese beim Potsdamer Platz liegt eine Frau Mitte dreißig auf einer gestreiften Decke und isst Pistazien. Sie erschrickt, als ein braun gebrannter junger Mann mit einem Strohhut auf den kinnlangen dunklen Locken sie auf Englisch anspricht. Er trägt einen Rucksack, daran hängt eine Isomatte. Er stellt sich als Marcello aus Texas vor. Wie sie heiße und ob er sich zu ihr setzen könne? Sie zuckt mit den Schultern. Er lässt sich nieder. Was sie hier so allein mache? Auf ihren Freund warten. Er reagiert schockiert. Dann könne sie doch nicht einfach fremde Männer einladen, sich neben sie zu setzen. Sie: „Mein Freund ist nicht eifersüchtig.“ Er: „Welches Sternzeichen hat er denn? Wann ist er geboren,“ Sie: „Anfang Dezember“. Er: „Ach, Schütze. Die sind tatsächlich nicht eifersüchtig.“ Sie sagt, sie finde es etwas dumm, Gespräche zwischen Männern und Frauen immer auf die Sache mit den zwei Geschlechtern zu reduzieren. Er sagt, er rede gern mit Frauen und eher ungern mit Männern: „Schließlich bin ich nicht schwul“. Und außerdem müsse er jetzt mal weiter, er möge es nicht, wenn ihn jemand für dumm halte: „Aber Frohe Weihnachten wünsche ich dir – wenn wir dann noch am Leben sind. Schließlich sagen die Mayas, dass am 21. Dezember die Welt untergeht.“ Er meint es ernst. Sie lacht. Dann geht er ans andere Ende der Wiese und lässt sich dort neben der nächsten Frau nieder. Daniela Martens

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