FÜNF  MINUTEN  STADT : Geile Mädchen

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Sonntagabend gegen halb neun, in der U9 zwischen Kurfürstendamm und Berliner Straße. Drei Jungs mit akkuraten Kurzhaarschnitten, vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, werfen sich in die Polster der Bahn. Zwei geben sich betont cool. Der Dritte ist aufgeregt wie ein Jack-Russell-Terrier. Er wippt mit dem Oberkörper in der Daunenweste hin und her. Versucht immer wieder einen Blick auf das Smartphone seines Gegenübers zu erhaschen: „Mach mal Facebook. Mann, ist das spannend. Jetzt zeig doch mal das Girl! Vielleicht ist das Girl online!“ Seine Zahnspange blitzt. „Langsam“, sagt sein Kumpel und wischt und tippt mit dem Finger auf dem Display herum. „Ist das spannend“, der aufgeregte Junge hüpft auf seinem Sitz auf und ab wie ein Flummi. „Schreib ihr mal, sie soll am Samstag geile hübsche Mädels mitbringen.“ Mhmmm, macht sein Freund und tippt. Der Flummi späht wieder von oben aufs Display. „Neee“, protestiert er: „Du sollst nicht ‚gute’ Mädchen schreiben, sondern ,geile’!“ „Aber dann wissen sie ja sofort, was wir von ihnen wollen.“ „Ja, klar, ist doch gut. Sollen sie doch wissen! Wenn du ‚gute Mädchen’ schreibst, bringt sie nachher eine Freundin mit, die nett ist, aber total hässlich. Ich will doch auf keinen Fall eine nette Freundin!“, sagt der Daunenwestenträger. Der dritte Junge hat die ganze Zeit gar nichts gesagt. Er starrt aus dem Fenster in den vorbeiziehenden Tunnel. Daniela Martens

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