FÜNF  MINUTEN  STADT : Gewollte Unschärfen

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Dienstagvormittag in der S 7 in Richtung Potsdam. Nebeneinander sitzen zwei alte Damen. Die eine, kleinere, die zum Gang hin sitzt, trägt das Haar rötlich braun gefärbt, beide haben Mützen auf dem Kopf, die eine auberginenfarben, die andere blau mit Schleife. Dazu blassgelbe Jacken. Kleine Handtaschen auf den Schößen. Als der Zug in eine Kurve fährt, scheint plötzlich die Sonne grell ins Fenster. Die Kleinere holt eine dunkle Brille aus ihrem Täschchen. Die andere fragt erstaunt: „Du hast eine neue Brille?“ „Ja. Schön, nicht?“, sagt die Kleinere. Die Freundin mustert die Brille skeptisch. „Die ist aber groß. Woher ist die?“ – „Von Rossmann.“ – „So?“ Die Größere hebt die Brauen. „Aber du siehst doch verschieden, oder?“ – „Ein bisschen.“ – „Aber geht das denn dann, mit so einer?“ – „Die habe ich mir nur gegen die Helligkeit geholt.“ – „Aber siehst du denn was damit?“ – „Wenn die Sonne scheint und dann auch noch so ein Schnee ist, hilft sie schon, ja.“ – „Aber siehst du denn was damit?“ – „Ja, tu ich.“ – „Aber doch nicht gleich gut mit beiden Augen?“ – „Nein.“ – „Wieso hast du sie dir dann geholt?“ – „Na, gegen das Licht, und weil sie günstig war.“ Die Kleine setzt die Brille auf. Einen Moment ist Stille. Dann setzt die Große wieder an: „Aber wenn du doch nicht richtig gucken kannst damit?“ „Ach, weißt du“, beginnt da die Kleine und setzt nach kurzer Überlegung fort: „Alles will ich auch gar nicht mehr sehen.“ Maris Hubschmid

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