FÜNF  MINUTEN  STADT : Hat er sich verdient

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Ein Donnerstagnachmittag in Prenzlauer Berg. Aus einem Schreibwarenladen treten eine hochschwangere Frau, dunkle Locken, rote Strumpfhose, grüner Parka, und ihr Mann, Dreitagebart, Jeans, schwarzer Mantel. An der einen Hand hält sie einen gut zweijährigen Jungen mit Mütze im Frosch-Look, in der anderen eine Papiertüte. Auch der Mann ist beladen, voller Einkaufskorb, Plastikbeutel, Kinderkarre. „So“, sagt die Frau und sieht suchend die Straße hinunter. „Haben wir dann alles?“ Kurzes Überlegen. Nicken. Blick auf die Uhr. „Viel Zeit ist auch nicht mehr“, sagt sie zu ihm. „Dann gehe ich jetzt in die Praxis. Vielleicht komme ich etwas früher dran.“ „Ja“, sagt er und setzt sich in Bewegung. Sie gehen ein paar Meter. Der Kleine fängt an zu quengeln, will nicht laufen, auch nicht in die Karre. „Weißt du was“, sagt die Frau und bleibt stehen. „Ich gehe da eben alleine hoch. Timmi hat ja schon genug mitgemacht heute, der heult sonst nur rum im Wartezimmer.“ Der Mann blickt seine Frau abwartend an. „So lange wird es nicht dauern“, spricht sie weiter. „Geh du doch in der Zwischenzeit auf den Spielplatz mit ihm.“ Er zögert. „Okay“, sagt er dann, zieht den Jungen zu sich. „Hat er sich doch verdient“, sagt die Frau. Ein flüchtiger Kuss, die Mutter winkt dem Kleinen, der jetzt ganz still und aufmerksam ist, und geht. Der Vater betrachtet das Schaufenster eines Mobilfunkladens. Dann packt er das Kind am Arm: „So, Timmi und Papa schauen sich jetzt das neue iPhone an, ja?“ Maris Hubschmid

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