FÜNF  MINUTEN  STADT : High Noon

von

Samstagmittag in Neukölln. Die Ecke Biebricher Straße, Mainzer Straße ist ein Kneipendreick für Alteingesessene, die auch gern tagsüber mal ein Bier nehmen. Hinter offenen Fenstern sitzen sie und trinken, die Farbe ihrer Nasen lässt Übung erkennen. Auf der Straße werkelt ein Mann an seinem Auto, verschwindet auf einem Rollbrett unter dem Wagen, flucht, als eine Zange scheppernd zu Boden fällt. Der Mann ohne Beine, der in seinem elektrischen Rollstuhl hier jeden Samstag die Straße auf und ab fährt, grüßt die Trinker in der Polski Bar und beginnt seine Fahrt. Plötzlich sind Akkordeonklänge zu hören, eine melancholische Melodie, langsam lauter werdend. Dann biegt ein alter Mann um die Ecke, grüner Schlapphut, Hosenträger über dem schlecht sitzenden Hemd. Das Akkordeon in seinen faltigen Händen scheppert. Auf dem Vorplatz der Bar bleibt er stehen und lässt den Blick schweifen. Die Luft ist schwül, der Himmel eierschalenfarben. Gary-Cooper-Time, High Noon hinterm Hermannplatz. Die Eingeborenen starren, der Fremde lächelt. Er will nichts außer Publikum. Und er bekommt es. Der Autoschrauber rollt unter dem Wagen vor, die Männer in den Kneipen schweigen, der Mann ohne Beine unterbricht seine Fahrt. Als alle gucken und zuhören, spielt der Fremde noch einen Moment weiter, lächelt und zieht weiter, die Straße entlang. Tiemo Rink

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben